Tao Te Ching

Kapitel 81

Wahre Worte sind nicht schön
Schöne Worte sind nicht wahr
Jene, die gut sind, streiten nicht
Jene, die streiten, sind nicht gut.
Jene, die wissen, haben kein breites Wissen
Jene, die breites Wissen haben, wissen nicht

Weise häufen nicht an
Je mehr sie anderen helfen, desto mehr haben sie
Je mehr sie anderen geben, desto mehr erhalten sie

Das Tao des Himmels
Nützt aber schadet nicht
Das Tao der Weisen
Hilft aber streitet nicht

Interpretation

Aufrichtige Worte, ehrlich gesprochen, mögen unverblümt und direkt sein. Leute, die die Wahrheit zu vermeiden suchen, werden sie nicht angenehm finden.

Beruhigende, blumige Worte, die der Eitelkeit gefallen, sind nicht wahr. Solche Worte verzerren die Realität, um zu täuschen oder zu manipulieren.

Jene, die gut in der Kunst sind zu leben, erkennen die Sinnlosigkeit von Streitereien, und halten sich daher weise aus Streit heraus. Weise, die te besitzen, lassen ihre Tugend durch Taten zeigen; sie brauchen sich nicht durch Worte zu erklären.

Andersherum ist jemand der übermäßig streitlustig ist - und somit dauernd gegen andere streitet - eine Person, die nicht die Fähigkeit hat, ein Leben frei von Wut und Stress zu führen. Hüte dich vor jenen, die sich ständig mit großen Worten erklären - sie haben keine wahre Tugend.

Jene, die wahre Meisterschaft des Wissens besitzen, haben nicht den Wunsch einen flachen Einblick in einen weiten Bereich von Gebieten zu erwerben. Jemand, der wirklich weiß, versteht, daß das große Tao im Herzen lebt. Es ist nicht notwendig, das Tao ziellos überall zu suchen.

Falls andersherum jemand behauptet, irgendetwas über alles zu wissen, ist es sehr wahrscheinlich, daß diese Person von nichts wirklich viel versteht. Von einem großen Haufen Buch-Wissen besessen zu sein, ist das Zeichen von jemandem, der noch nicht das Tao im Inneren gefunden hat.

Weise haben keine Notwendigkeit, weltliches Wissen oder Besitz anzuhäufen, da sie Befriedigung und Erfüllung darin finden, anderen zu helfen und zu geben. Je mehr Unterstützung sie leisten, desto mehr Erfüllung haben sie; je mehr sie anderen Menschen geben, desto mehr Segenswünsche und Weisheit erwerben sie.

Weise erkennen, daß das positive, aufrichtende Tao des Himmels allen Lebewesen nützt und ihnen nicht schadet. Indem sie dies imitieren, suchen Weise ebenfalls anderen durch Hilfe zu nützen und nehmen davon Abstand ihnen durch Streit zu schaden.

Bemerkungen

Die ersten beiden Zeilen Wahre Worte sind nicht schön, Schöne Worte sind nicht wahr können misbraucht werden. Manchmal können Menschen, die andere aus Bosheit kritisieren, sie als Rechtfertigung gebrauchen.

Der Unterschied zwischen solchen Leuten und Weisen ist ihre Absicht. Wenn Weise einfach und wahr reden, tun sie dies aus der Absicht heraus, anderen zu helfen und zu nutzen - Weise haben nicht den Wunsch andere Menschen mit Worten zu verletzen, oder einen Streit mit ihnen zu beginnen.

Oft denken wir, daß wir Freunden helfen, indem wir mit ihnen streiten (um "es ihnen klarzumachen"), aber das bringt Auseinandersetzung in die Beziehung, es ist meistens eher schädlich als hilfreich. Menschen sind kaum in bester Form, wenn ein Streit sie in die Devensive drängt und sie unnachgiebig macht.

Ein anderer wichtiger Punkt, der mit den ersten beiden Zeilen zusammenhängt, ist, daß Weise kein unaufrichtiges Lob aussprechen. Zu sagen, was Menschen hören wollen (schöne Worte) mag sie kurzzeitig in bessere Stimmung versetzen, aber solche Worte verzerren oder verbergen die Realität, sie können auf lange Zeit nur zu Schaden führen.