Tao Te Ching

Kapitel 77

Das Tao des Himmels
Ist wie das Spannen eines Bogens
Erniedrige, was hoch ist
Erhöhe, was niedrig ist
Verringere, was übermäßig ist
Füge dem hinzu, was zu wenig ist
Das Tao des Himmels
Verringert das Übermäßige
Fügt dem Zuwenigen hinzu

Das Tao der Menschen ist anders
Das Zuwenige verringernd
um dem Übermäßigen anzubieten
Wer kann sein Übermaß der Welt anbieten?
Nur jene, die das Tao haben
Daher handeln die Weisen ohne Dünkel
Erreichen, ohne Ansehen zu verlangen
Sie wünschen nicht, ihre Tugend zu zeigen

Interpretation

Das Arbeiten des Tao kann mit Bogenschießen verglichen werden - genauer mit dem Akt des Bogenspannens um einen Pfeil abzuschießen.

Wenn der Pfeil zu hoch zeigt, muss der Schütze niedriger zielen. Wenn er zu niedrig zielt, muss der Schütze dies kompensieren, indem er den Bogen höher neigt.

Die Menge an Kraft, die verwendet wird, um die Sehne zurückzuziehen, muss genau richtig sein. Wenn sie zu groß ist, wird der Pfeil über sein Ziel hinaus schießen, also muss man die überflüssige Kraft verringern.

Andererseits, wenn der Schütze den Pfeil mit zu wenig Kraft abschießt, wird er vor seinem Ziel herunterfallen. Damit der Pfeil richtig fliegt, muss der Schütze mehr Kraft in den Bogen bringen und weiter spannen.

Dies ist den natürlichen Gesetzen insofern ähnlich, als daß das Tao auch auf eine ausgleichende Weise wirkt. Es tendiert dazu alles zu reduzieren, was zu viel ist, und dem hinzuzufügen, was nicht genug ist. Daher bewegt sich alles in der Welt fortlaufend auf ein Gleichgewicht zu.

(Zum Beispiel kühlt ein Topf mit heissem Wasser langsam aus. Genauso sicher schmelzen Eiswürfel und werden zu kaltem Wasser, das sich mit der Zeit der Raumtemperatur nähert. Dies ist der Weg des himmlischen Tao.)

Der Weg der Menschen ist anders. Menschen handeln oft dem ausgleichenden Prinzip des Tao entgegengesetzt. Sie schneiden von dem ab, was zu wenig ist, und geben dem, was schon zu viel ist dazu.

(Wir können einen Aspekt dessen darin sehen, daß es auf der ganzen Welt eher die Regel ist als die Ausnahme, daß die Reichen reicher werden, während die Armer ärmer werden.)

Wer sind jene, die dies klar sehen, und sich entscheiden nicht der Herde nachzulaufen? Nur jene, die das Tao haben. Wann immer sie von etwas zu viel haben, bieten sie das Übermaß jenen an, die nicht genug haben.

Auf diese Weise handeln die Taoistischen Weisen in Übereinstimmung mit der Natur und geben auf die gleiche Weise, wie es die Natur tut - ohne Erwartungen zu haben, Ansehen zu fordern, oder sich irgendwie dafür überlegen zu fühlen, daß sie gegeben haben.

Genau wie das Tao, helfen und fördern sie andere, ohne das Bedürfnis sich aufzuspielen. Es ist ihnen egal, wenn die Leute niemals herausfinden, was sie gutes getan haben. Das Tao zu haben ist ausreichender Grund und Rechtfertigung.

Anmerkungen

  1. Die Zeilen "Erniedrige, was hoch ist / Erhöhe was niedrig ist" können auch als das interpretiert werden, was passiert, wenn der Schütze den Bogen spannt: Die obere Spitze des Bogens geht nach unten, und die untere nach oben.

    Der selbe Gedanke führt zu der Idee, daß die nächsten zwei Zeilen: "Verringere, was übermäßig ist / Füge dem hinzu, was zu wenig ist" sich auf den Prozess beziehen, die Länge der Sehne anzupassen, während der Bogen hergestellt wird.

    Wir haben uns deshalb für die klassische Interpretation entscheiden, die sich auf das Zielen bezieht, weil aus der ersten Zeile hervorgeht, daß der Vergleich sich auf den Prozess des Bogen Spannens (um einen Pfeil zu schießen) bezieht, anstatt auf den Prozess der Herstellung eines Bogens. Alle vier Zeilen beziehen sich auf das Zielen: Der Schütze passt den Winkel des Pfeils als auch die Menge an Kraft an, die er hineinsteckt.

  2. In diesem Kapitel bietet Lao Tzu einen durchdringenden Einblick in das menschliche Wesen: Anstatt sich auf ein Gleichgewicht zuzubewegen, handeln Menschen oft entgegen dem Tao, indem sie ihr Leben noch mehr aus dem Gleichgewicht bringen.

    Beobachte zum Beispiel, was passiert, wenn Leute einer Sache allzusehr frönen. Sie reduzieren das Frönen nicht, wie sie sollten. Stattdessen heizen sie es immer mehr an. Auf diese Weise beginnt eine Sucht.

    Beobachte auch, wie Menschen auf den fahrenden Zug aufspringen, wenn es um Glauben, Einstellungen, Trends und Mode geht. Anstatt für sich selbst zu denken, springen sie auf den Zug, weil dort schon so viele andere sind.