Tao Te Ching

Kapitel 75

Der Hunger der Menschen
Ist begründet im Übermaß der Steuern ihres Herrschers
Daher hungern sie

Die Schwierigkeit der Menschen regiert zu werden
Ist begründet in der Einmischung ihres Herrschers
Daher sind sie schwer zu regieren

Die Todesmissachtung der Menschen
Ist begründet im Übermaß in der Jagd ihres Herrschers nach Leben
Daher missachten sie den Tod

So also sind jene, die nicht nach Leben streben
Besser als jene, die das Leben schätzen

Interpretation

Wenn Menschen hungrig sind - wenn ihre Grundbedürfnisse nicht befriedigt werden - liegt das daran, daß der Herrscher übereifersüchtig immer höhere Steuern erhebt und ihnen wenig übrig lässt, um sich selbst zu erhalten. Als Resultat hungern die Leute.

Wenn Menschen schwer zu kontrollieren sind - wenn sie offen rebellieren und das Befolgen von Anweisungen ablehnen - liegt das daran, daß der Herrscher sich ununterbrochen in ihr Leben einmischt, mit immer noch restriktiveren Regeln. Als Reaktion werden die Menschen der Autorität gegenüber aufsässig.

Wenn Menschen den Tod missachten - wenn es ihnen egal ist, ob sie leben oder sterben - liegt das daran, daß der Herrscher einen extravaganten Lebenstil pflegt, in immer noch größerem Luxus schwelgt, wärend das Volk nur Mühsal erfährt. Wenn sie dies sehen, blicken die Menschen dem Tod tapfer ins Auge während sie sich gegen den Herrscher erheben.

Wir können also aus dem obigen sehen, daß ein Herrscher, der nicht zwanghaft auf "das gute Leben" konzentriert ist, viel besser wäre, als ein Herrscher, der der sinnlosen Jagd auf luxuriöses Leben fröhnt.

Unter einem solchen weisen Herrscher hungern die Menschen nicht (ihre Grundbedürfnisse sind erfüllt), sie sind nicht schwer zu regieren (sie folgen erfreut der weisen Führung), und sie habe keine waghalsige Todesmissachtung (ihre eigenen Leben sind es wert, gelebt zu werden).

Anmerkungen

Die letzten beiden Zeilen dieses Kapitels sind besonders schwer zu übersetzen, und sie können auch dann schwer zu verstehen sein, wenn sie richtig übersetzt wurden. Es hilft im Kopf zu behalten, daß jede Zeile dieses Kapitels ein zusammenhängendes Konzept beschreibt. Sobald du das Konzept verstanden hast, sollte alles einen Sinn ergeben.

Wieder einmal sehen wir, daß das, was eine Empfehlung an einen Herrscher zu sein scheint, in Wirklichkeit das Tao des besseren Lebens für uns alle ist.

Das übergeordnete Thema dieses Kapitels ist, wie wir mit der materiellen Welt umgehen. Es zeigt, daß ausufernde Jagd nach, und Schwelgen in materiellen Dingen uns am Ende auf verschiedene Weise schadet.

Oft überbesteuern wir uns, wenn wir zu sehr schwelgen. Das aufgeblasene Gefühl nachdem man zuviel am Buffet gegessen hat, und der Kater nachdem man auf einer wilden Party zuviel getrunken hat - sind beides Beispiele.

Wenn wir uns selbst überbesteuren, vernachlässigen wir unsere grundlegenden spirituellen Bedürfnisse. Überanstrengt und geistig erschöpft, übersehen wir leicht die Notwendigkeit den Geist mit aufrichtender und inspirierender Nahrung zu versorgen.

Wenn wir uns von der Einfachheit des Wu Wei entfernen und alles um uns herum zu beeinflussen suchen, wird das Leben immer schwerer zu regeln. Unsere ausufernde Einmischung führt zu unbeabsichtigten Nebeneffekten und macht die Dinge noch komplizierter.

Wenn wir uns zum Beispiel in die Angelegenheiten unserer Freunde einmischen, führt das oft dazu, daß wir uns entfremden. Sie schätzen unsere Einmischung nicht, so daß die Beziehung belastet und immer loser wird.

Dieses Kapitel sagt außerdem, daß, wenn der Geist übermäßig gierig nach materiellem Genuß ist, die Seele leidet. Das Leben wird zu einer unendlichen Serie sensorischer Stimulationen, Sinn- und Zweckentleert. Es scheint sich nicht länger zu lohnen; was einen dazu bringt, zu fragen: Wen interessiert's? Warum weiterleben? Warum nicht einfach alles beenden?

Um ein anschauliches Beispiel zu sehen, müssen wir unsere Aufmerksamkeit nur auf zelebrierte Selbstmorde richten. Dies sind Leute, die materiell alles zu haben scheinen, und doch sprituell verarmt sind. Sie sehen kaum einen Sinn im Leben und keinen Grund zu leben - in anderen Worten, fühlen sie eine vollständige Geringschätzung des Todes.