Tao Te Ching

Kapitel 74

Die Leute fürchten den Tod nicht
Wie können sie mit dem Tod bedroht werden?
Wenn die Leute dazu gebracht werden den Tod fortwährend zu fürchten
Dann jene, die ungesetzlich handeln
Ich kann sie fangen und töten
Wer würde es wagen?

Es gibt einen Meisterhenker, der tötet
Wenn wir den Meisterhenker zum Töten ersetzen
Ist es wie den großen Zimmermann zum Schnitzen zu ersetzen
Jene, die den großen Zimmermann zum Schnitzen ersetzen
Es ist selten, daß sie ihre eigenen Hände nicht verletzen

Interpretation

Die Menschen scheinen keine Angst vor dem Tod zu haben, wie können sie also durch die Drohung mit Exekution eingeschüchtert werden? Wäre es nicht zwecklos für uns, Tod als Abschreckung zu benutzen?

Falls wir, nur des Argumentes wegen, annehmen, daß Menschen eine konstante Angst vor dem Tod haben, und wir jeden fangen und töten, der in komischer und gesetzeswidriger Weise handelt, wer würde es dann noch wagen, Verbrechen zu begehen?

(Aber da es noch immer viele Verbrechen gibt, sieht es nicht so aus, als ob die Todesstrafe - die höchste Strafe - besonders effektiv wäre!)

Es gibt einen Meisterhenker, der immer anwesend ist. Nenne ihn Karma oder Natur oder das Gesetz der Wechselwirkung. Dieser Henker ist perfekt unparteiisch und geht niemals fehl in der Auswahl der angemessenen Strafe, Tod eingeschlossen.

Es gibt keine Notwendigkeit für die Menschen, diese Rolle des Meisterhenkers anzunemhen, um das zu verordnen, was sie als Gerechtigkeit empfinden. Dies zu versuchen, ist dem Versuch eines Neulings ähnlich, Holz genauso zu schnitzen, wie es ein erfahrener Zimmermann tut.

Wenn Neulinge plump vorgeben, Meister des Holzschnittes zu sein, ist es selten, daß sie nicht aus Versehen ihre eigenen Hände schneiden. Genauso werden jene, die denken auf Geheiß des Meisterhenkers töten zu können, sich am Ende wahrscheinlich selber verletzen.

(Daher verletzt sich eine Gesellschaft, die die Todesstrafe eifrig verteidigt, selbst. Abgesehen von der Beobachtung, daß die Todesstrafe nicht effektiv zu sein scheint, sollten wir auch die Möglichkeit betrachten, daß Unschuldige aus Versehen Exekutiert werden - und jene die getötet wurden können keine Wiedergutmachung leisten und ihre Schuld der Gesellschafft zurückzahlen.)

Anmerkungen

Das Konzept des "Meisterhenkers" in diesem Kapitel ist eine Fortsetzung des "himmlischen Netz" Konzeptes aus dem vorangehenden Kapitel. Sie sind verschiedene Wege den selben Karmamechanismus zu beschreiben der die Realität zu durchziehen scheint.

Auf den ersten Blick scheint dieses Kapitel an den Herrscher gerichtet zu sein. Wann immer wir dies im Tao Te Ching bemerken, wissen wir, daß die Lehre auf mehreren Ebenen arbeitet. Es ist nicht nur eine Bemerkung zur Gesellschaft, sondern es ist auch eine Empfehlung, wie wir unsere Leben führen können.

Die zentrale Idee ist, daß die negative Herangehensweise selten effektiv ist. Der Gebrauch der Todesstrafe verbessert nicht notwendigerweise die Gesellschaft. Wenn wir heute jeden im Todestrakt exekutieren, fühlen wir uns morgen kein bisschen sicherer. Je mehr wir darauf zurückgreifen zu töten als eine Antwort auf unsere Frustration und Wut auf Gewalt, desto gewalttätiger wird die Gesellschaft.

Ähnlich ist die Nutzung von Drohung und Strafe weit weniger effektiv, als positive Verstärkung im Tao der zwischenmenschlichen Beziehungen. Daher kritisieren die Weisen nicht, noch klagen sie an. Stattdessen leiten und stärken durch aufrichtiges Lob und Annerkennung.

Die Lektion gilt auch für die Herrschaft des inneren Königreiches. Wärend es wichtig für uns ist, unsere vergangenen Fehler zu erkennen, ist es zwecklos bei ihnen zu verweilen und uns selbst zu schlagen. Uns selbst zu beschuldigen wird uns unseren Zielen nicht näher bringen. Proaktive, positive Taten sind dazu viel besser geeignet.