Leben des Tao

Ausbruch

von Derek Lin
übersetzt von Jens-Wolfhard Schicke

Es war einmal ein Dieb, der die Kunst des Stehlens zur Meisterschaft gebracht hatte. Seine Einbrüche waren legendär. Sein Sohn sah zu ihm auf und wünschte in seine Fußstapfen zu treten.

Der Sohn trainierte hart, um die Fertigkeiten des Diebstahls zu lernen, aber er wusste, daß das Training der Wirklichkeit nicht das Wasser reichen konnte. Mit der Ungeduld der Jugend bat er seinen Vater immer wieder, ihn doch auf einen Raub mitzunehmen, aber der Vater sagte immer, daß er noch nicht bereit sei.

"Wann werde ich bereit sein, Vater?" fragte er.

"Du wirst sehen."

Eines Nachts wies er seinen Sohn an, ihm zu folgen. "Endlich", dachte der Sohn, "eine Chance für echte Taten"

Zusammen begaben sie sich heimlich in ein großes Haus. Sobald sie drin waren, zeigte der Dieb auf eine Tür und winkte dem Sohn einzutreten. Der Sohn trat ein und sah, daß es lediglich eine Toilette war. Er drehte sich um, gerade als sein Vater die Tür vor ihm zumachte und abschloß.

Er flüsterte eindringlich: "Vater, was tust du? Laß mich raus!"

Anstatt die Tür aufzuschließen, lief der Dieb den Hausflur entlang und schrie "Dieb! Dieb!" Dann floh er nach draußen und verschwand in der Nacht.

Der Sohn war gefangen. Vom Lärm geweckt, standen die Bewohner des Hauses auf, um den Vorfall zu untersuchen. Die Dienerschaft versammelte sich, um das Haus Raum für Raum zu durchsuchen.

Der Sohn musste sich selbst befreien, aber wie? Ihm kam eine Idee. Als die Bediensteten der Toilette näher kamen, machte er Geräusche einer Maus.

Darauf reagierend, schloßen die Diener die Toilette auf, um einen Blick hineinzuwerfen. Der Sohn trat die Tür auf und rammte die Dienerschaft zur Seite, als er um sein Leben lief.

Sobald er aus dem Haus war, gelang ihm die Flucht. Er kam nach hause, wo er seinen Vater auf ihn warten fand. "Willkommen zurück" sagte sein Vater. "Erzähl mir, wie du entkommen bist."

Der Sohn gab einen detailierten Bericht. Als er fertig war, sah er seinen Vater nicken. "Nun bist du bereit ein Dieb zu sein", sagte sein Vater mit einem Lächeln.

In dieser Geschichte geht es um eine wichtige Veränderung in der Kultivation des Tao: Vom Studieren des Tao als ein akademisches Fach zum Leben seiner Lehren als eine Lebensweise.

Die Kunst des Diebstahls symbolisiert die spirituelle Suche. Das Ziel des Sohnes, ein Dieb wie sein Vater zu werden, ist wie unsere Reise zur Erleuchtung. Diese Reise kann einige Zeit brauchen, daher werden wir manchmal ungeduldig, genau wie der Sohn. Wir können das Gefühl haben, festzustecken und uns fragen, warum wir nicht schnell von Unwissenheit zu Meisterschaft übergehen können.

Das Training, das der Sohn durchlief ist unserem Lesen von Büchern über das Tao ähnlich. Genauso wie der Sohn erkannte, daß das Training nicht die Realität war, erkennen auch wir früher oder später, daß Bücherlesen sich nicht mit der wirklichen Kultivation vergleichen kann.

Obwohl wir vom Lesen sicherlich profitieren, gibt es eine Lücke zwischen akademischem Wissen und der lebenden, atmenden Weisheit des Tao. Es gibt Leute, die Bände von Büchern lesen, und doch keinen signifikanten Unterschied in ihrem Leben erfahren. Oft liegt das daran, daß sie in den Worten, die sie lesen gefangen sind.

Zum Beispiel könnten sie der Lehre vom ziran, oder Natürlichkeit, begegnen. Das Tao folgt den Gesetzen der Natur, also sollten auch wir selbst natürlich handeln. Dies ist ein großartiges Konzept, also entscheiden sie, daß sie in Übereinstimmung mit der Natur leben sollten, wie die Weisen.

Aber irgendetwas ist nicht ganz richtig. Sie kommen zum Beispiel zu spät zu einem Treffen oder Termin, und wenn Freunde fragen, ob alles okay ist, erklären sie, daß die Verspätung einfach an ihrem mühelosen Weg liegt, das zu tun, was natürlich ist. Sie haben zu lange geschlafen, aber das ist okay, da sie der Natur folgen.

Falls er dies hörte, würde ein Weiser sagen: "Welchem Aspekt der Natur?"

Diese Frage erscheint einfach, ist es aber nicht. Die Natur, genau wie das große Tao, ist allumfassend. In Begriffen von Abläufen bietet die Natur Fortschritt, Stagnation und Rückschritt. Sie sind alle Teil der Natur. Sicherlich sollen wir der Natur folgen, aber welchem dieser Aspekte sollen wir nun genau folgen?

In Begriffen der Evolution, finden wir Entwicklung genauso wie Auslöschung in der Natur. Beide sind natürlich, welchen Pfad sollen wir also sprituell wählen? Werden wir uns natürlich entwickeln, oder werden wir natürlich ausgelöscht?

Wenn wir die Natur ohne die Klarheit dieser Einsicht nachahmen, werden wir wahrscheinlich in die gewöhnliche Option von Trägheit und Laune verfallen. Dies ist ein Pfad der nirgendwohin führt, daher enden wir, wo wir begonnen haben.

Wir könenn aus diesem Muster ausbrechen, indem wir erkennen, daß natürlich zu sein nicht bedeutet, zufälligen Gedanken des Momentes zu folgen. Stattdessen meint es, unsere Taten und Entscheidungen bewusst mit spirituellen Zielen in Einklang zu bringen, sodaß sie einfach und mühelos werden.

Dies ist die Schlüsselerkenntnis, die uns befreit. Sie entfernt das Schloß auf der Falle. Genau wie der Sohn die Tür auftrat, sprengen wir die Beschränkung, rammen die Hindernisse der Worte zur Seite und erhalten Freiheit.

Was wir wirklich wollen, ist nicht Freiheit zu tun, wonach uns momentan gerade ist. Auf diese Weise zu leben, beschränkte uns auf eine Ebene der Spiritualität, die wir nicht überschreiten können, daher ist sie eigentlich ein Gefängnis.

Was wir wirklich brauchen, ist die natürliche Selbstdisziplin des Tao. Wenn wir mit dieser Disziplin fließen und uns immer vorwärts bewegen, haben wir die Fähigkeit, mit der Zeit, unsere spirituelle Entwicklung auf jede Ebene zu heben, die wir wünschen, ohne Grenzen. Das ist die wahre Bedeutung von Freiheit.

Nachdem wir ausgebrochen sind, können wir nach hause zurück – zum Tao. Wenn wir auf unseren Ausbruch zurückblicken, können wir im Wissen lächeln, daß wir jetzt bereit sind, Kultivation wirklich zu beginnen und die Lehren das Tao als eine Lebensweise zu leben!