Leben des Tao

Die dritte Etage

von Derek Lin
übersetzt von Jens-Wolfhard Schicke

Eines Tages kam ein reicher Mann in ein Dorf um dort jemanden zu besuchen. Dort sah er ein, mit drei Stockwerken imposantes, Haus. Er fand es sehr eindrucksvoll und machte dem Besitzer Komplimente, ob dieser Errungenschaft.

Der Besitzer dankte dem Reichen für die netten Worte und lud ihn auf eine Besichtigung ein. Zusammen gingen sie ins dritte Stockwerk, von wo aus sie eine beeindruckende Sicht auf die Landschaft hatten.

Nachdem der reiche Mann in sein eigenes Dorf zurückgekehr war, entschied er, daß er das gleiche haben wollte. Er bestellte einen Maurermeister und beschrieb, was er sich vorgestellt hatte. Der Maurer sagte: "Du kommst zum Richtigen - ich bin derjenige, der das Haus gebaut hat!"

Der Reiche war zufrieden: "Großartig! Dann weißt du genau, was ich möchte. Bitte fang so schnell wie möglich an."

Der Maurer stellte eine Mannschaft zusammen und fing an zu bauen. Der reiche Mann hatte nie zuvor gesehen, wie ein Haus gebaut wurde, also besuchte er die Baustelle um sich umzusehen. Er war erstaunt von dem, was er sah, und fragte den Maurer: "Was machen die Männer da?"

"Oh, sie arbeiten am Fundament"

"Warum?"

Der Maurer dachte nicht, daß es dem Reichen ernst wäre, aber er entschied sich, ihn zu unterhalten, da er die Rechnung bezahlte: "Weil wir das erste Stockwerk auf dem Fundament errichten werden – natürlich."

"Warum braucht ihr ein erstes Stockwerk?"

Nun war sich der Maurer sicher, daß der Reiche einen Witz machte, also spielte er mit: "Naja, wir wollten das zweite Stockwerk auf das erste bauen."

"Und ihr braucht das zweite Stockwerk... wofür genau?"

Der Maurer war verwirrt, da er merkte, daß es dem reichen Mann ernst war. Da er nichts besseres wusste, antwortete er: "Herr, offensichtlich werden wir das dritte Stockwerk auf dem zweiten bauen."

"Nein! Halt!", schrie der Reiche, "das ist ein großer Fehler. Ich bin froh, daß ich hier bin, das aufzuklären. Ich will nur das dritte Stockwerk. Ihr braucht das Fundament und die ersten beiden Stockwerke nicht zu bauen. Das sollte uns eine Menge Zeit und Geld sparen.

Erscheint diese Geschichte nicht aberwitzig. Ist es nicht einfach, zu verstehen, daß wir am Boden anfangen müssen und uns dann nach oben arbeiten? Wie kann irgendjemand erwarten, ein drittes Stockwerk ohne die darunterliegenden zu haben?

Aber wenn es wirklich so einfach zu verstehen ist, warum sind werde-schnell-reich Angebote immernoch so beliebt? Kann es sein, daß wir reich sein wollen (das dritte Stockwerk), aber nicht fleißig arbeiten (das Fundament), Geld sparen (das erste Stockwerk) und sinnvoll investieren (das zweite Stockwerk) wollen?

Wie wurde aus Diätpillen eine 17 Milliarden Dollar Industrie? Kann es sein, daß wir dünner werden wollen (das dritte Stockwerk), aber nicht weniger Essen (das Fundament), mehr Trainieren (das erste Stockwerk) und diese Disziplin über eine längere Zeit aufrecht erhalten (das zweite Stockwerk) wollen?

Lao Tzu spricht davon im Tao Te Ching, Kapitel 70:

Meine Worte sind leicht zu verstehen, leicht anzuwenden
Die Welt kann nicht verstehen, nicht anwenden

Es ist einfach für uns zu verstehen, daß, um etwas zu erreichen, wir erst einen Rahmen schaffen und die richtigen Bedingungen erfüllen müssen. Aber irgendetwas geht verloren, wenn wir vom Konzept zur Realität übergehen. Wir wollen immernoch etwas für nichts, auch wenn wir wissen, daß wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein, es normalerweise auch genau das ist. Wir wollen immernoch Abkürzungen.

Auch dies wurde von Lao Tzu bemerkt, im Kapitel 53 des Tao Te Ching:

Das große Tao ist breit und eben
Aber Menschen mögen die Seitenwege

Es ist nicht schwer, auf dem Tao zu reisen – es ist eine breite und flache Straße, perfekt für Reisende. Wir gehen diese Straße, einen Schritt nach dem anderen. Es ist die Essenz der Schlichtheit. Was könnte einfacher sein?

Aber Einfachheit scheint nicht das zu sein, was die meisten Leute wollen. Anstatt den sicheren Weg langsam aber sicher zu gehen, werden die Menschen von hellen, farbigen, blinkenden Schildern am Rand der Straße verlockt. Diese Schilder sagen Dinge, wie: "Abnehmen im Schlaf!" oder "Keine vorhergende Erfahrung nötig" oder "Völlig neue Technologie! Ergebnisse garantiert!"

Dies trifft nicht nur auf das Leben zu, sondern auch auf die spirituelle Kultivation. Die meiste Zeit kommt die Weisheit in kleinen Stücken zu den Suchenden, anstatt auf einmal vollständig. Konditioniert durch die endlosen Versprechen sofortiger Belohnung in der materiellen Welt, finden viele dies zu langweilig. Daher werden sie zu Dilettanten, was Spiritualität angeht. Wenn ein bestimmter Pfad keine sofortigen Ergebnisse liefert, springen sie zu einem anderen.

Schließlich finden sie, daß all dieses impulsive Herumspringen sie spirituell tatsächlich kaum weiterbringt. Verlockende Abkürzungen leiten sie entweder in Sackgassen, oder wieder dahinzurück, wo sie angefangen haben.

Normalerweise bemerken sprituelle Dilettanten nicht, daß sie sich anstrengen, ohne weiterzukommen. Sie mögen sogar Stolz auf ihr "sorgenfreies Wandern" durch all die Seitenwege sein. Auch wenn Lao Tzus Worte einfach zu verstehen und einfach umzusetzen sind, können jene sie weder verstehen oder in tatsächliche Praxis umsetzen.

Wir alle kennen das Sprichwort, daß eine Reise von tausend Meilen mit einem Schritt beginnt. Wir haben es alle schon oft gehört, und es ist in der Tat eine zeitlose Wahrheit. Aber es gibt einen anderen Teil, der genauso wichtig ist: Auf den ersten Schritt folgt ein weiterer, und noch einer, und noch einer und so weiter, bis die Reise beendet ist.

Tatsächlich braucht es ungefähr zweitausend Schritte, um eine Meile zu gehen, so entpricht eine Reise von tausend Meilen ungefähr zwei Millionen Schritten. Um überhaupt irgendeine Hoffnung auf Vervollständigung der Reise zu haben, muß der Reisende sich absolut verschrieben haben, jeden einzelnen Schritt zu gehen.

Diese Erkenntnis mag den vorher angesprochenen Tao-Dilettanten komisch vorkommen. Wird von uns nicht erwartet mit der anstrengungslosen Leichtigkeit des Wu Wei durchs Leben zu gehen? Wenn wir von der Reise in so vielen Schritten reden, erscheint sie nicht schwer und mühsam?

Dies ist eine im Westen weitverbreitete Fehlannahme. In der asiatischen Tradition geht die Freiheit des Tao immer einher mit langfristiger, durchgehaltener Disziplin. Die beiden sind Kehrseiten der selben Medaille.

Die wichtige Erkenntnis ist, daß fleißige Arbeit nicht ermüdend sein muß. Wenn du sie zu einem Teil deines Lebenmusters machst, wird disziplinierte Anstrengung natürlich. Und wenn du dich auf diesen natürlichen Teil deines Lebens einlässt, entdeckst du darin eine eigene anstrengungslose Leichtigkeit und sorgenlose Freude.

Dies ist tatsächlich der beste Weg zu kultivieren. Es ist ein bodenständiger und praktischer Ansatz der konsistente Handlung betont – die einfache Aktion einen Fuß vor den anderen zu setzen, auf der großen Reise. Dies ist unsere Disziplin.

Die Chinesen würden sagen, dies sei Kultivation mit "den Füßen auf sicherem Boden stehend." Die Seitenwege, mit ihren unendlichen Versprechungen mitten in der Luft schwebender dritter Stockwerke, sind nichts als Illusionen. Der einzige wirkliche, sichere Grund, den wir haben, ist der weite und ebene Pfad des Tao. Du und ich haben bereits unsere ersten Schritte auf ihm getan. Lass uns weiterhin zusammen auf diesem großartigen Tao gehen – einen sicheren Schritt nach dem anderen!