Leben des Tao

Unglück und Segen

von Derek Lin

An der nördlichen Grenze des alten China lebte ein Mann, der besonders geschickt darin war, Pferde zu züchten. Die Menschen wussten von ihm und nannten ihn Sai Ong - wörtlich "Alter Grenzbewohner"

Eines Tages, aus einem unbekannten Grund, riß sich sein Pferd los, und rannte in das Hu-Territorium hinter der großen Mauer. Die Hu-Stämme waren den Chinesen feindlich gesonnen, so daß alle annahmen, das Pferd sei so gut wie verloren.

Pferde waren für die Menschen, die an der Grenze lebten, sehr wertvoll, daher betrachteten sie diesen Verlust als ein großes finanzielles Unglück. Sie besuchten Sai Ong um ihre Sympathie zu bekunden, aber Sai Ongs alter Vater überraschte sie, indem er ruhig und unbeeinflusst blieb. Zu ihrem großen Erstaunen, fragte der alte Mann: "Wer sagt, daß dies nicht irgendeine Art Segen sein kann?"

Monate später kehrte das Pferd mit einer Begleiterin zurück - einer feinen Stute einer Hu-Züchtung. Es war, als hätte sich Sai Ongs Reichtum auf einmal verdoppelt. Jeder kam vorbei, um das neue Pferd zu bewundern und ihm zu gratulieren, aber wieder zeigte sein alter Vater keine großen Emotionen. Er sagte: "Wer sagt, daß dies nicht irgendeine Art Unglück sein kann?"

Sai Ongs Sohn ritt gern und ritt mit dem neuen Pferd herum. Es geschah ein Unfall, so daß er fiel und sich ein Bein brach. Wieder kamen mitfühlende Leute, um der Familie Beileid auszudrücken, und wieder sahen sie daß der Großvater so ruhig blieb, wie immer. Genau wie vorher sagte er ihnen: "Wer sagt, daß dies nicht irgendeine Art Segen sein kann?"

Ein Jahr später versammelten sich die Hu-Menschen und überquerten die Grenze zu China. Alle tauglichen jungen Männer wurden in die Armee berufen, um das Land zu verteidigen. Heftige Käpfe entbrannten, es gab hohe Verluste auf beiden Seiten. Von den Bewohnern an der nördlichen Grenze starben neun von zehn Männern.

Sai Ongs Sohn zog nicht in den Kampf, da sein Bein gebrochen war. Daher blieb ihm das schreckliche Schicksal erspart und seine Familie überlebte den Krieg vollständig.

So kann sich Segen als Unglück herausstellen, und Unglück als Segen. Sie wechseln vom einen zum anderen, ohne Ende; die Wege des Schicksals sind wirklich unergründlich verschlungen.

Das obenstehende ist eine gewissenhafte Wiedergabe der chinesischen Geschichte, direkt aus dem alten Huainanzi Text übernommen. Sie ist eine der Klassiker, die die Struktur der chinesischen Kultur bilden. Die Chinesen kennen die Geschichte sehr gut, und haben ein Sprichwort, das sie zusammenfasst: "Sai Ong verliert ein Pferd. Wer weiß, ob es kein Segen ist?"

Das Sprichwort ist besonders dann anwendbar, wenn du in eine Situation gerätst, die absolut gegen dich zu sein scheint. Wenn du dich frustriert, entmutigt oder hoffnungslos fühlst, erinnert dich dieses Sprichwort daran, daß die Dinge anders liegen könnten, als es zuerst scheint.

Die Weisen lehren, daß alles aus einem Grund geschieht. Temporäre Niederlagen und Enttäuschungen enthalten als goldenen Kern alle eine Lehre, die auf dich zugeschnitten ist. Genauso, wie du dich selbst erniedrigen musst, um höher zu springen, wird dir das verstehen der Lehre im Geist der Bescheidenheit, jene zusätzliche Energie geben, die du brauchst, um über die nächste Hürde zu fliegen. Und wenn du es auf diese Weise betrachtest... wer sagt, daß das Negative nicht eine Art getarnte gute Nachrichten sein kann?

Im Tao geht is immer um Balance, also ist die andere Seite dieser Lehre genauso gültig und wertvoll. Wir sehen, daß wir nicht bis zu dem Punkt in Depression und Entmutigung verweilen sollten, an dem sie uns unserer Fähigkeit zu handeln berauben. Die andere Seite der Münze ist genauso wahr: Wenn wir etwas begegnen, das ein Vorteil zu sein scheint, sollten wir uns nicht voll ekstasischer Aufregung mitreißen lassen, bis zu dem Punkt, an dem wir blind für den Samen des Schadens werden, der im Vorteil versteckt ist.

Jede dunkle Wolke hat einen silbernen Rand - entsprechend umrahmt jeder silberne Rahmen eine dunkle Wolke. Oder, wie das 58. Kapitel des Tao Te Ching es ausdrückt:

Unglück ist, was das Glück benötigt
Glück ist, unter dem Unglück sich versteckt

Yin enthält Yang; Yang enthält Yin. Jeder Fehlschlag beherbergt den versteckten Samen zukünftiger Erfolge; Jeder Triuph enthält den verdeckten Grund zukünftiger Niederlagen. Daher ist Sai Ongs Vater durch schlechte Nachrichten nicht gedemütigt - aber genausowenig ist er durch das, was die anderen für gute Nachtrichten halten, übermäßig ermutigt.

Das alles läß sich zum Weg der Mäßigung zusammenfassen. Ohne Mäßigung, ist das Leben wie eine Achterbahnfahrt. Es mag am Anfang aufregend sein, aber die ununterbrochenen Spitzen und Täler verbrauchen dich schnell und machen es dir unmöglich, Frieden des Geistes zu erlangen. Einen Moment lang bist du high vom Sieg; im nächsten am Boden zerstört.

Mit Mäßigung rückt das Leben jenem anmutigen und anstrengungslosen Wu Wei Ideal näher. Du erlebst noch immer Freude und Trauer, aber nicht mehr die entkräftigenden Intensitäten extremer Emotionen. Du nimmst voll am Feiern und Trauern teil, aber übertreibst keines im Übermaß. Statt ununterbrochener Spitzen und Tälern, wird das Leben eine Serie sanft rollender Hügel. Die extremen Höhen und Tiefen werden die Ausnahme und nicht die Regel.

Das bedeutet nicht, daß wir hölzern oder leer von allen starken Emotionen werden. Noch meint es, daß das Leben auf irgendeine Art verwässert wird. Die Geschichte lehrt nicht fade Akzeptanz aller Dinge, die das Leben bietet, noch ist sie eine Ausrede um nicht zu handeln.

Was sie lehrt, ist, nicht länger an Emotionen zu hängen. Die Übung emotionaler Loslösung erlaubt uns das Leben sehr viel klarer zu beobachten, so daß, wenn Segen zu Unglück wird oder andersherum, wir nicht überrascht werden. Wir sind bereit, mit Klarheit zu reagieren, und wir erkennen die Transformation als Teil des komplexen Wirken des Tao - nichts mehr und nichts weniger.

Schließlich lehrt uns die Geschichte, daß Dinge im Leben einfach passieren. Sie sind nicht gut oder schlecht - sie sind. Sie dienen alle dem größeren Ziel Lebensweisheiten zu lehren, aber wenn wir sie zu schnell nach dem ersten Eindruck als gut oder schlecht beurteilen, laufen wir Gefahr, die Sicht auf die wahre enthaltene Weisheit zu verlieren.

Also, wenn dir das nächste Mal etwas "schlechtes" passiert und du dich darüber aufregst, erinnere dich:

Sai Ong verliert ein Pferd. Wer weiß, ob es kein Segen ist?