Tao Living

Der Tanz

von Derek Lin
Übersetzt von Jens-Wolfhard Schicke

Es ist ein angenehmer Abend. Du begibst dich zum Eingang des Tanzsaals. Als Mitglied der Musikalischen Vereinigung (MV), wurdest du zu diesem Tanz eingeladen. Du weißt nicht viel über Saaltänze, aber du willst es lernen.

Es ist das erste Mal, daß du zu so einem Ereignis eingeladen wurdest, daher bist du ein bisschen nervös. Zum Glück, werden sich drinnen deine Freunde mit dir treffen. Einige von ihnen waren schon oft beim Tanz und können dir helfen, dich zu orientieren.

Der Tanzsaal ist bunt und lebhaft. Wo du auch hinsiehst, sind helle Lichter und ausgefallene Dekorationen. An der Decke leuchten die unzähligen Lichtpunkte der Kronleuchter.

Die MV scheint unendliche Resourcen zu haben, um all dies zur Verfügung zu stellen, aber es scheint niemand in einer offiziellen Stellung anwesend zu sein.

Du bist Teil der Überseele - die Summe aller Menschenseelen, der vergangenen, der gegenwärtigen und der zukünftigen. Als Mitglied dieser Summe, hast du das Recht - das Mitgliedsprevileg - die materielle Ebene zu betreten und an der Erfahrung der sterblichen Existenz teilzuhaben.

Wir steigen oft in Gruppen auf die materielle Ebene herab, zusammen mit unseren Seelenverwandten um uns gegenseitig zu helfen. Junge Seelen verlassen sich oft auf erwachsenere Geister, die sie leiten. Wenn sie Erfahrung gewonnen haben, werden sie wiederum denen Hilfe anbieten, für die das Leben noch eine neue Erfahrung ist.

Es ist die Natur der materiellen Welt, mit hellen, farbenfrohen und verlockenden Ablenkungen gefüllt zu sein. Diese Anblicke und Töne scheinen endlos. Was auch immer ihre ultimative Quelle sein mag, sie scheint unerschöpflich zu sein.

Der Anfang des 4. Kapitels des Tao Te Ching sagt das obige folgendermaßen:

Das Tao ist leer
Benutze es, es ist nicht aufgefüllt
So tief! Es scheint die Quelle der Myriaden Dinge zu sein

Der Quelle der Schöpfung ist schwer faßbar. Auch wenn sie endlos scheint, ist dort nichts, auf das wir zeigen und das wir als Quelle identifizieren können. Es ist, als ob alles aus einer tiefen und unfassbaren Leere käme.

Als du alles um dich herum betrachtest, kannst du nicht anders, als dich wundern, wie dieses wunderbare Spektakel zu seiner Existenz kommt. Du fragst deine Freunde: "Wo kam all dies her? Wer hat die MV gegründet? Wer hat den Tanz begonnen?"

Einer deiner Freunde wartet gedankenvoll vor der Antwort: "Ich habe wirklich schon einige Leute gefragt, und sie haben mir widersprüchliche Antworten gegeben. Manche sagen, daß ein Mann unsere Organisation vor langer Zeit gegründet hat und seitdem alle Verantwortung trägt, als der General-Organisator von Terminen und Tänzen, oder kurz GOTT. Andere sagen, GOTT sei eine Frau, kein Mann; wieder andere sagen, es gäbe keine Beweise für, daß so eine Position existiert - laut ihnen gab es den Ballsaal schon immer und wir nutzen ihn nur."

"Wer glaubst du, hat recht?"

"Naja, dies mag keine der Situationen sein, wo einer Recht haben muss, und der andere Unrecht, da es noch viele weitere Möglichkeiten außer diesen Theorien gibt. Zum Beispiel könnte die Musikalische Vereinigung aus einer informellen Versammlung von Freunden hervorgegangen sein, die Musik und Tanz mögen. Wenn dem so ist, dann sind alle Dinge, die du hier siehst, nicht das Ergebnis der Anstrengungen eines Einzelnen, noch sind sie zufällig spontan zusammengekommen.

"Noch wichtiger ist, wenn du wirklich darüber nachdenkst, gibt es eine Wahrheit, die allgemeiner ist als alle Debatten über die Existenz oder Nichtexistenz des General-Organisators von Terminen und Tänzen. Egal, ob die Musikalische Vereinigung von einem Individuum gegründet wurde, oder von vielen oder keiner Person, können wir mit Sicherheit sagen, daß die treibende Kraft hinter der Gründung die Liebe zur Musik war.

"Denk darüber nach: Die Liebe zur Musik mußte da sein, bevor irgendetwas bedeutsames passieren konnte. Zum Beispiel, wenn es wirklich einen GOTT gab, dann nur, weil die Liebe zur Musik jemanden dazu motivierte, diese Rolle zu übernehmen. Daher würde ich sagen, Liebe ist der primäre Grund - egal wer Recht hat!"

Was ist der Ursprung des Lebens, des Universums, und Allens? Wer oder was ist der ursprüngliche Schöpfer? Dies sind tiefsinnige Fragen, die die Menschen seit dem Morgengrauen der Menschheit stellen. Theisten und Atheisten versuchen zu antworten - und treffen oft in erhitzten Debatten aufeinander.

Kultivierer des Tao glauben, daß das Tao der Prozess ist, der Existenz und Realität möglich macht. Oder, um genauer zu sein, was auch immer der Prozess sein mag, der Existenz und Realität brachte, wir nennen es Tao. Das meint, daß das Tao die unwiderlegbare, omnipräsente Realität ist, egal ob das Universum aus der Arbeit eines übernatürlichen Dings entsprang, oder durch das Zusammenspiel natürlicher Kräfte zusammengekommen ist.

Genau, wie die Liebe zur Musik existieren mußte, bevor die Musikalische Vereinigung gegründet werden konnte, mußte auch das Tao existieren, bevor das Universum erschaffen werden konnte. Dies bleibt wahr, sogar wenn man sich zur theistischen Ansicht bekennt, die ein oberstes Wesen als Schöpfer annimmt.

Christen würden sagen, daß Gott das Universum aus seiner heiligen Liebe, oder aus seinem heiligen Willen geschaffen hat. Damit das funktioniert, muß heilige Liebe oder heiliger Wille präsent sein bevor die Rolle des Schöpfers Realität wurde. Es kann ganz einfach nicht andersherum sein.

Nachdem wir dies eingesehen haben, betrachten wir noch einmal das Ende des vierten Kapitels des Tao Te Ching:

So undeutlich! Es scheint zu existieren
Ich weiß nicht, wessen Abkomme es ist
Sein Bild ist der Vorgänger Gottes

Die letzte Zeile mag uns zuvor verwundert haben, aber jetzt macht sie Sinn. Genau, wie die Position des General-Organisators von Terminen und Tänzen durch die Liebe zur Musik möglich gemacht wurde, ist Gott der Schöpfer ein Konzept, daß nur aus dem Tao entspringen konnte. Das ist es, was wir meinen, wenn wir sagen, daß das Bild des Tao Gott vorhergeht.

Das Tao ist unklar, da es nicht personifiziert wird, genausowenig, wie das Konzept der Liebe personifiziert werden muß. Anders als Gott, ist das Tao keine menschenähnliche Gestalt mit menschenähnlichen Emotionen. Es ist der primäre Grund - daher können wir nicht wissen, was es geschaffen hat (wessen Abkomme es ist), genau, wie niemand sagen kann, woher Liebe kommt.

Dieses Verständnis erhebt uns über die Frage von Gottes Existenz oder Nichtexistenz. Es ist eine Erleuchtung, die die wahre Unbedeutsamkeit der Debatten zwischen Theisten und Atheisten deutlich werden lässt. Egal, wer Recht hat, die dahinterliegende Wahrheit des Tao bleibt ewig... und für immer unverändert!