Leben des Tao

Besitz und Genuß

von Derek Lin
Übersetzt von Jens-Wolfhard Schicke

Es war ein schöner Tag. Der Himmel war blau und es war angenehm kühl. Daher entschied sich der Weise einen Spaziergang zu machen.

Zufällig kam er an einem luxuriösen Haus vorbei. Es gehörte einem reichen Mann, den der Weise gut kannte. Vor dem Haus lag ein schöner Garten, gefüllt mit exotischen Blumen aus fernen Ländern.

Als der Weise näher kam, sah er, daß viele der Blumen in voller Blüte standen. Er konnte nicht anders, als ihre Schönheit bewundern. Ihre Farben waren so lebendig und frisch - in ihrer Brillanz fast von den Blütenblättern springend.

Der Weise bewunderte das Genie, das es geschafft hatte alle diese Blumen hierher umzusetzen, von so weit weg - wahrscheinlich aus einem tropischen Paradies, das er nie besucht hatte.

Er stand einige Minuten lang, um den Blick zu genießen. Er atmete den Duft tief ein. Nach einer Weile seufzte er und setzte seinen Spaziergang fort.

Der Weise dachte an den reichen Mann. Er war vor kurzem schwer erkrankt. Sie waren alte Freunde, also war der Weise recht besorgt.

Der Artzt sagte, die Krankheit werde von zu viel Stress verursacht. Der Mann litt an der zu großen Belastung, seine Geschäfte zu leiten. Diese Geschäfte waren die Quelle seines Reichtums, aber er bezahlte teuer dafür - mit seiner Gesundheit.

Das Problem war, daß der Mann darauf bestand, alles selbst zu tun, immer noch mehr Verantwortung zu übernehmen. Als der Druck sich ansammelte, verlor er seinen Appetit und konnte nicht länger ruhig schlafen. Er war immer erschöpft und verlor den Sinn für die einfachen Genüsse des Lebens.

In der Tat hatte der Herr seinen Garten viele Jahre vernachläßigt. Er hatte keine Zeit, Kraft und Motivation mehr, zwischen den schönen Blumen in seinem eigenen Garten zu wandeln.

Plötzlich wurde die Ironie des ganzen sichtbar. Der reiche Mann besaß den Garten, konnte ihn aber nicht genießen. Der Weise besaß ihn nicht, aber war in der Lage ihn vollkommen zu genießen.

Einer der häufigsten Irrtümer im Leben dreht sich um Besitz und Genuß und darum, wie sie zum Glück führen. Das Problem tritt auf, weil wir normalerweise besitzen, um zu genießen. Wir kaufen einen DVD-Player um Filme zu sehen; wir besorgen eine Stereoanlage, um Musik zu hören. Besitz und Genuß scheinen Hand in Hand zu gehen, also denken wir von ihnen als einer Sache.

In Wirklichkeit sind die beiden unabhängig voneinander. Nur einer der beiden ist mit Glück verbunden, und es nicht der Besitz. Besitz ist nicht nur für den Genuß unnötig, er kann ihm sogar im Weg stehen. Aber viele Menschen sehen es nicht auf diese Weise. Sie verknüpfen Besitz anstatt Genuß mit Glück - das genaue Gegenteil der Wirklichkeit.

Ich kenne zum Beispiel eine Dame, die den Kauf von Schmuck mit Glück assoziiert. Sie liebt Ringe, Hals- und Armbänder. Sie hat eine große Sammlung, aber sie trägt nie irgendetwas daraus, denn sie fürchtet, der Schmuck könnte geklaut werden, oder sie ihn verlieren. Die Sammlung ist viel zu wertvoll, um einem Risiko ausgesetzt zu werden.

Die einzige Zeit, in der sie glücklich ist, ist kurz bevor und nach einem neuen Kauf. Schmuck zu kaufen gibt ihr einen Kick, aber danach kehrt das Verlangen zurück noch mehr zu besitzen und treibt sie gnadenlos zum nächsten Kauf.

Sie kennen sicherlich jemanden wie sie. Vielleicht kennen Sie einen Autonarren, der einen Oldtimer in der Garage stehen hat. Er scheut keine Mühe wenn es darum geht ihn zu reparieren und seine Teile einzustellen; er wird nie müde ihn zu schrubben und zu polieren - aber er färt ihn praktisch nie.

Vielleicht kennen Sie jemanden, der eine riesige Musiksammlung hat, aber nur einen kleinen Teil davon je gehöhrt hat. Warum? Weil er zu beschäftigt ist, neue CDs zu finden, um seine Sammlung zu komplettieren.

Vielleicht kennen Sie jemanden, der gerade sein Wohnzimmer mit neuen, farblich abgestimmten Sofas und Sesseln ausgerüstet hat. Sie lässt aber die durchsichtige Plastikhülle auf ihnen, da sie nicht möchte, daß die schönen Möbel Flecken bekommen oder verstauben. Wenn Sie sie besuchen sitzen sie buchstäblich auf Plastik. Sie müssen aufpassen, sich nicht zu sehr zu bewegen oder Sie riskieren unhöfliche Geräusche zu erzeugen.

Vielleich kennen Sie einen Freund, der eine Beziehung hat, die auf Besitz aufbaut, anstatt auf Genießen der anderen Person. Wenn Ihr Freund auf diesem Weg weitergeht, ohne zu bemerken, was passiert, wissen Sie, daß die Beziehung zerbrechen wird.

Sie können sehen, daß das Thema, das sich durch alle obigen Beispiele zieht, die Konzentration auf Besitz statt auf Genuß ist. Wenn Sie sich aufmerksam und beobachtend umsehen, werden Sie viele weitere Beispiele finden.

Wenn ich meine Bücherregale betrachte, sehe ich viele Bücher meiner Lieblingsautoren. Jedes Buch ist eine schöne Blume der Weisheit, die darauf wartet genossen zu werden. Was ich bereits besitze ist ein ganzer Garten voll von solchen Blumen, aber wie der reiche Mann habe ich ihn vernachläßigt. Anstatt sie vollständig zu genießen, bin ich zur Buchhandlung gegangen, um noch mehr zu kaufen. Endloses Kaufen ist eine Gewohnheit geworden.

Wenn wir diese Gewohnheiten durchbrechen, können wir uns einen riesigen Gefallen tun. Die Energie und Zeit, die wir vorher verschwendet haben, ist jetzt frei. Indem wir sie darauf richten, das zu genießen, was wir haben, verbessern wir unsere Lebensqualität und erhalten den Schlüssel zum Glück.

Es gibt viele "Gärten" in unserem Leben. Sie mögen einige oder viele besitzen, aber das ist ein unwichtiges Detail. Das Wichtige - das Einzige - ist, daß Sie sie genießen können, wenn Sie es wirklich wollen.

Lassen Sie uns unsere Aufmerksamkeit auf die Blumen in diesen Gärten lenken. Wenn Sie ihr Aroma atmen und ihre glitzernden Farben sehen, können Sie gar nicht anders, als sich über das Wunder der menschlichen Existenz freuen. Es ist ein Wunder, das ein Teil des himmlischen Paradieses auf unsere sterbliche Ebene gebracht hat. Es ist das Tao.