Tao Living

Der Esel

von Derek Lin
Übersetzt von Jens-Wolfhard Schicke

Eines Tages im alten China, erhielten die Menschen eines Dorfes vom örtlichen Verwalter den Befehl einen Schrein für den König zu errichten. Wenn Sie die Frist einhielten, wüde er sie stattlich belohnen.

An der für den Schrein vorgesehenen Stelle lag ein Brunnen, den sie erst auffüllen mussten, bevor die Bauarbeiten beginnen konnten. Sie holten einen Esel, um Haufen von Sand und Schlamm für diesen Zweck zu transportieren.

Es geschah ein Unfall. Der Esel geriet zu nah an den offengelegten Brunnen, verlor das Gleichgewicht und viel hinein. Die Dorfbewohner versuchten ihn wieder hinauszuheben, schafften es aber nicht. Nach vielen Fehlversuchen, wurde ihnen klar, daß es zu lange dauern würde ihn zu retten.

Mit der gesetzten Frist im Kopf entschieden die Dorfbewohner, den Esel zu opfern. Sie fuhren fort, Sand und Schlamm in den Brunnen zu schaufeln. Sie dachten, sie hätten keine Wahl als ihn lebendig zu begraben.

Als der Esel merkte, was sie taten, begann er erbärmlich zu klagen. Die Dorfbewohner hörten ihn zwar, aber ignorierten es. Der Esel war im Vergleich mit der Belohnung, die sie bekommen würden nicht viel wert, daher schaufelten sie weiter.

Nach einer Weile hörte das Klagen auf. Die Dorfbewohner wunderten sich darüber. War der Esel schon tot? Oder hatte er einfach aufgegeben. Was war da los?

Neugierig schauten sie in den Brunnen. Ein überraschender Anblick begrüßte sie: Der Esel lebte und war wohl auf. Als der Sand und Schlamm auf ihn niedergeregnet waren schüttelte er ihn ab und stampfte darauf herum, bis er unter ihm dicht zusammengedrückt war. So baute er sich einen stabilen Boden, der ihn jedesmal ein bischen höher brachte.

Irgendwann war der Esel im Brunnen hoch genug gekommen. Mit einem kräftigen Satz sprang er hinaus. Verwundert blickten die Dorfbewohner ihm nach, als er mit hoch erhobenem Haupt hinweg trottete.

Geht es uns nicht manchmal genau wie dem Esel im Brunnen? Wir haben alle Tage, an denen wir uns fühlen, als ob wir gefangen wären. Wir können nicht hinaus, und es scheint, als ob ein nicht endenwollender Strom von Sand und Schlamm auf uns herabregnet.

Wenn wir auf Schwierigkeiten stoßen mag unser erster Impuls sein, uns zu beschweren. Wir stellen uns selbst Fragen, wie: "Warum passiert sowas immer mir?" oder "Womit habe ich das verdient?"

Genau wie das Weinen des Esels, haben unsere Klagen absolut keinen Effekt. Der Sand und Schlamm fallen weiter. Wut und Selbstmitleid auszudrücken ändert überhaupt nichts.

In der Geschichte kam der Esel zu der Einsicht, daß sein Weinen sinnlos war. Im wahren Leben sind viele von uns nicht so intelligent. Auch, wenn wir wissen, daß es nichts hilft, weinen wir und baden in Selbstmitleid.

Dies kann zu einem sich wiederholenden Muster von Frustration gefolgt von Beschwerden über diese Frustratration gefolgt von noch mehr Frustration und mehr Beschwerden werden. Wenn wir in dieses Muster fallen, können wir nicht glücklich werden. Der Kreislauf aus Negativität hindert unseren Geist daran, voll zu arbeiten.

Ein Weg, aus diesem Muster auszubrechen ist, einzusehen, daß wir selbst einen Einfluss auf unser Schicksal haben. Bemerken Sie, daß der Esel selbst den Sand und Schlamm zum Brunnen getragen hat. Ob er es bemerkt hat oder nicht, es lag Ironie darin, daß er selbst das Problem verursacht hat, über das er sich später beschwerte.

Ich kennen einen Freund, der nicht aufhören konnte, darüber zu reden, wie schlecht sein Leben geworden ist. Er arbeitet in einer großen Firma und stand unter konstantem Leistungsdruck. Er hatte viele Kollegen und ist mit einigen von ihnen nicht klargekommen. "Ich bin gefangen," sagte er traurig. "Ich muss da raus, aber ich kann nicht."

Er hatte vollkommen vergessen, daß er, Jahre zuvor, derjenige war, der sich auf eine freie Stelle bei dieser Firma beworben hatte. Sein Ziel war gewesen, für eine große Firma zu arbeiten, so daß er aggressiv gegen die anderen Kandidaten und für die Stelle kämpfte, und gewann. Er war also mindestens teilweise selbst für sein nachfolgendes Unglück verantwortlich.

Also ist die Frage, die er wirklich stellen sollte nicht "Womit habe ich das verdient?" Stattdessen sollte er fragen "Womit habe ich das verursacht?"

Sobald wir aus der beschwerenden Art ausgebrochen sind, müßen wir erkennen, daß alles seinen Wert hat –, sogar Dinge, die wir normalerweise für "schlecht" halten. Was auch immer passiert, es gibt immer etwas, was wir daraus lernen können. Es gibt immer einen Weg für uns, es von etwas negativen zu etwas positivem zu drehen.

Als nächstes kümmern wir uns um das Problem selbst. Wir müßen in der Lage sein, es abzuschütteln, so wie der Esel den Schlamm und Sand von seinem Körper abschüttelte. Es abzuschütteln bedeutet nicht, so zu tun, als ob es nie aufgetreten wäre. Wir verstehen und bemerken das Ereignis – mit dem wichtigen Unterschied, daß wir es nicht als persönlichen Angriff verstehen.

Die Dorfbewohner fuhren aus ihren eigenen Gründen fort, Sand und Schlamm zu schaufeln, nicht, weil sie den Esel hassten. Genausowenig hat das Universum etwas gegen uns, wenn uns irgendetwas schlechtes zustößt. Es ist kein Angriff und es ist nicht persönlich.

Danach nutzen wir das bisher negative. Der Esel nutzte den Schlamm und Sand als Füllmaterial. Auf die gleiche Weise können wir negative Ereignisse als Rohmaterial nutzen, um unsere spirituelle Entwicklung zu fördern.

  • Hat jemand uns harsch kritisiert? Diese Kritik mag oder mag auch nicht einen wahren Kern enthalten. Wenn dem so ist, zeigt sie uns, wie wir uns verbessern können. Wenn nicht, ist sie ein grundloser Angriff, an dem wir üben können uns von Meinungen zu lösen, die keinen Nutzen haben.
  • Ist irgendwer im Weg und blockiert unseren Pfad? Das ist eine Gelegenheit, unsere Entschlusskraft zu verstärken, unsere Entschlossenheit zu üben, und unsere Flexibilität zu erhöhen während wir einen Weg um das Hindernis herum finden.
  • Hat uns jemand verlassen, oder ein Versprechen gebrochen? Dies ist etwas, das wir als Lehre nutzen können, unabhängiger und selbstständiger zu werden. Am Ende können wir uns nur auf uns selbst verlassen.
  • Hat jemand bösartige und unwahre Gerüchte über uns in die Welt gesetzt. Wenn dem so ist, dann ist dies eine Erinnerung, daß wir so leben können, daß niemand diese Gerüchte jemals glauben würde. Außerdem ist es etwas, das uns etwas von der wahren Natur der Menschen um uns herum zeigt – ein bequemer Weg herauszufinden, wer unsere wirklichen Freunde sind.

Wenn wir es aus dieser Perspektive sehen, erkennen wir schnell, daß es nichts gibt, das man nicht in irgendeiner Weise nutzen kann. Wir können sogar sagen, daß alles was passiert "gut" sein kann, da wir es dazu bringen können uns bei irgendetwas zu helfen. Welche Sorte Schlamm und Sand auch immer auf uns herabfällt, wir können darauf herumtreten und sie nutzen, um uns ein bisschen höher zu heben.

Je mehr wir dies tun, desto besser werden wir darin. Jedes negative Ereignis, das geschieht, wird nur ein weiterer hilfreicher Trittstein. Jedes Problem bringt uns nach oben, bis wir auf der Höhe der taoistischen Weisen ankommen, die für ihre Fähigkeit bekannt sind, mit allem in Ruhe und Selbstbeherrschung klarzukommen. Jetzt beginnen wir ihr Geheimnis zu verstehen!

Genau, wie der Esel aus dem Brunnen gesprungen ist, werden wir in der Lage sein, über den Sand und Schlamm hinauszuwachsen. Negativität und Hindernisse haben keine Macht mehr über uns und könnten genausogut nicht existieren. Das Gefängnis der traurigen Klagen verschwindet unter uns, in dem Moment, in dem wir springen.

Wir sind nicht länger im Brunnen gefangen!