Tao Living

Erschaffung
und Zerstörung

von Derek Lin
Übersetzt von Jens-Wolfhard Schicke

Chuang Tzu steht in der Liste der wichtigsten Lehrer taoistischer Einsichten an zweiter Stelle nur noch hinter Lao Tzu. Wir können seinen Einfluss daran erkennen, daß seine Werke nach ihm benannt sind. Wenn wir also "Chuang Tzu" sagen, können wir den Text aus alten Zeiten meinen – oder den Autor selber.

Eine der bekanntesten Passagen aus dem Chuang Tzu beginnt folgendermaßen:

Wenn du etwas auseinanderbrichst erschaffst du Dinge.
Wenn du etwas erschaffst, zerstörst du Dinge.
Materielle Dinge habe keine Erschaffung und keine Zerstörung
Letztendlich verbinden sich beide Konzepte zu einem.

Das mag auf den ersten Blick verwirrend erscheinen. "Erschaffen" und "Zerstören" scheinen zwei genau entgegengesetzte Aktionen zu sein, aber Chuang Tzu sagt, sie verbänden sich zu einem. Wie kann das möglich sein? Sie scheinen so weit auseinanderzuliegen, wie es zwei Dinge irgend tun können.

Chuang Tzu erklärt es wie folgt:

Nur die Erleuchteten wissen, daß sie sich zu einem verbinden,
Also, anstatt dies mit deinen Vorurteilen zu debattieren,
Nähere dich ihm auf einem normalen Weg.

Diejenigen mit der normalen Herangehensweise, wenden die Idee einfach an.
Diejenigen, die sie anwenden, verbinden sich mit ihr.
Diejenigen, die sich mit ihr verbinden, erreichen sie.
Dieses einfach erreichte Verständnis ist nicht weit enfernt.

Chuag Tzu erwartet unsere Frage und schlägt den besten Weg vor, dieses Konzept zu verstehen. Lasst uns seinen Rat annehmen und an einige Beispiele denken, die uns helfen, das Paradox zu verstehen.

Was zum Beispiel muß passieren, damit wir Möbel bauen können? Warum, wir müssen Bäume fällen (auseinanderbrechen), um Bauholz zu erhalten! Was muß ein Bildhauer tun, um eine schöne Statue zu schaffen? Ah, er oder sie muß den Meißel ansetzen und Stein wegschlagen!

In beiden Beispielen, tritt Zerstörung während des Schaffungsprozesses auf. Man kann das eine nicht ohne das andere haben. Die beiden scheinbar entgegengesetzten Aktionen sind in der Tat zwei Seiten der gleichen Medaille.

Wenn wir die "normale Herangehensweise" anwenden, wie Chuang Tzu vorschlägt, sehen wir, daß das Paradox verschwindet. Wir können uns einfach mit der Idee verbinden, und ein klares Verständnis erlangen, genau wie Chuang Tzu sagt.

Es fließt alles natürlich.
Diesen Status zu erreichen, und es nicht zu wissen,
Ist, was wir das Tao nennen würden.
Deinen Geist zu erschöpfen, um sie zu vereinen,
Und nicht zu erkennen, daß sie das gleiche sind,
Ist, was wir "drei am morgen" nennen würden.
Was ist dieses "drei am morgen"?

Am Anfang der Passage sagt Chuang Tzu uns, daß der beste Weg, an diese Weisheit heranzugehen ist, keine intellektuelle Debatte zu beginnen, in der wir unsere Vorurteile verwenden. Jetzt erklärt er diesen Punkt genauer und erzählt uns, daß der Versuch, dies zu tun, nur den Geist erschöpft. Dann illustriert er seine Aussage mit einer Geschichte:

Ein Mann, der Affen mit Kastanien fütterte, sagte zu ihnen:
"Drei Portionen am Morgen, vier am Abend."
Alle Affen wurden wütend.

Dann sagte der Mann:
"Na gut, vier am Morgen und drei am Abend."
Alle Affen waren zufrieden.

Das Essen und die Menge hatten sich nicht verändert,
Und doch kam es zu Wut und Zufriedenheit,
Nur wegen verschiedener Einteilung.

Am Anfang waren die Affen wütend, weil drei Portionen am Morgen und vier am Abend irgendwie unfair erschienen. Ihr Pfleger, der wusste wie sie dachten, besänftigte sie, indem er einfach die beiden vertauschte.

Für die Affen sah die neue Einteilung anders aus und mußte daher anders sein. Sie bemerkten nicht, daß der Unterschied nur oberflächlich war. Ihre tägliche Zuteilung von sieben Portionen hatte sich kein bisschen verändert.

Wir können in den Affen in der Geschichte uns selber sehen; der Pfleger repräsentiert dann die Realität, wie wir sie wahrnehmen. Da die meisten von uns genauso kurzsichtig sind, wie die Affen, können wir oft die fundamentale Einheit der Existenz nicht wahrnehmen. Wir sehen Unterteilungen und Abgetrenntheit, auch wenn diese Illusionen sind.

Zum Beispiel hängen wir am Leben (Erschaffung) und fürchten den Tod (Zerstörung), da wir nicht sehen, daß beide ein vereintes Ganzes bilden. Der Prozess des Lebens tritt zur gleichen Zeit auf, zu der der Tod immer weiter fortschreitet. Man kann das eine nicht ohne das andere haben.

Wenn etwas nie lebendig war, kann es auch nicht sterben. Der Tod erwartet uns nur, weil wir, in genau diesem Moment, herrlich lebendig sind. Ohne Tod können wir dieses Leben, das wir so lieben, nicht haben. Daher sind Leben und Tod also nichts, als zwei Seiten der gleichen Medaille. Jene, die dies nicht sehen, sind nicht besser, als die Affen aus der Geschichte, leicht dazu gebracht, zu denken, zwei Dinge seien fundamental unterschiedlich, nur weil sie anders dargestellt werden.

Jene, die es sehen können beginnen zu verstehen, warum wahre Tao-Kultivierer keine Angst vor dem Tod haben. Sie "besiegen" den Tod nicht, da es nichts zum besiegen gibt. Sie akzeptieren den Tod genauso sehr, wie das Leben. So machen Beerdigungen sie nicht nervös, noch machen sie sich Sorgen um das Jenseits.

Sie sehen die Wahrheit, daß Leben und Tod natürliche Prozesse sind, die zur angemessenen Zeit zu den angemessenen Gründen stattfinden. Genau wie Erschaffung und Zerstörung, verbinden sich die beiden zu einem und fließen natürlich. Das ist es, was wir das Tao nennen würden!