Leben des Tao

Der Weg des Fahrrads

von Derek Lin
Übersetzt von Jens-Wolfhard Schicke

Oktober 2000

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Jeder, der mit den Grundzügen der taoistischen Philosophie vertraut ist, weiß, wie das Tao Te King beginnt:

Das Tao, das sich nennen lässt, ist nicht das wahre Tao.

Diese unvergänglichen Worte sind eine Quelle der Inspiration für viele, doch sie können ebenso gut Verwirrung auslösen. Das Wesentliche ihrer Bedeutung erscheint klar genug: Das Tao ist erhaben über bloße Worte, da Worte Bedeutung definieren und begrenzen. Die Kernaussage des Tao ist unbegrenzt und kann nicht adäquat durch die eingeschränkte Bedeutung von geschriebenen oder gesprochenen Worten transportiert werden; es kann nur direkt erfahren werden durch unsere Intuition und Gefühle. Das ist die grundlegendste Wahrheit über das Tao, die Laotse auf prägnante Weise als passende Einleitung zum Tao Te King ausgedrückt hat.

Es kann Verwirrung auslösen, da eine bestimmte Frage immer auftaucht: „Wenn das Tao über Worte erhaben ist, warum machen wir uns dann die Mühe, darüber zu reden?“ In anderen  Worten: Wenn das Tao, über das wir rede nicht das wahre Tao ist, ist unsere Diskussion dann nicht ziel- und bedeutungslos? Verschwenden wir dabei nicht nur einfach unsere Zeit?

Über diese Frage stolperte ich während meines allerersten Tao Te King-Unterrichts für die Teenager im Tempel. Die Kinder erfreuten sich daran, schwierige Fragen an die anwesende Autoritätsperson zu stellen, die leider der Schreiber dieser Worte war.

Wie ich damit umging? Das werden Sie sofort herausfinden. Denken Sie inzwischen einen Moment darüber nach und fragen Sie sich selbst, wie Sie eine solche Frage an meiner Stelle beantworten würden.

Kürzlich schrieb ein Besucher dieser Website ein e-mail mit demselben Inhalt. Er hatte einen Freund, der sich strikt weigerte, jeglichen Aspekt der taoistischen Philosophie zu diskutieren und all jene verurteilte, die das taten. Für diesen Menschen war allein die Tatsache, über das Tao zu sprechen ein Beweis dafür, dass man das Tao überhaupt nicht kannte. Diese Einstellung störte meinen Korrespondenten. Er fand Diskussionen sinnvoll und fühlte sich deswegen nicht weniger in Kontakt mit dem Tao. Sein Freund wies auf den ersten Satz im Tao Te King, um sein Argument zu belegen. Mein Korrespondent hatte Probleme damit und begann, darüber nachzudenken, ob denn das Tao, das er fühlte nicht das wahre Tao sei.

Mein erster Gedanke beim Lesen dieser Nachricht war, dass dieser Schreiber in zumindest einem Aspekt den wahren Geist des Tao lebte. Der wirkliche Tao-Praktizierende war jemand, der alles durchdachte und nie auf Lehren in blindem Glauben vertraute. Allein im Aufgreifen dieser Thematik bewies mein Korrespondent, dass sein Geist nicht untätig war.

Es haben wirklich viele Menschen diese Frage als schwierig empfunden. Sogar jene, die das Tao viele Jahre lang studiert hatten, konnten keine befriedigende Antwort finden. Die gebräuchlichste Annäherung an die Frage waren entweder eine feste Behauptung („Natürlich sind Diskussionen über das Tao nicht sinnlos!“) oder das, was ich ausweichende Antworten nenne („Diese Frage gilt nicht“ oder „Diese Frage entbehrt jeglicher praktischen oder logischen Relevanz“ oder auch „Das ist eine sinnlose Frage“).

Es erübrigt sich, zu sagen, dass ich die festen Behauptungen als völlig inhaltslos empfinde, da sie gar nichts erklären. Ich kann auch die ausweichenden Antworten nicht akzeptieren, da sie in erster Linie dazu dienen, einer Frage aus dem Weg zu gehen. In der gesamten Geschichte, in jeder Religion und Philosophie, ist das Ausweichen zum Standard geworden, schwierige Studenten abzufertigen und schwere Fragen unter dem Teppich zu kehren. 

Nichts vom obenstehenden ist notwendig, sobald Sie die Wahrheit erkannt haben. In dem  Moment, in dem die Lehre korrekt erklärt wurden, werden Sie sie in ihrer simplen eleganten Form als Wahrheit erkennen, es kann gar nicht anders sein. Sie werden sich vielleicht wundern, warum Sie sie vorher nicht erkennen konnten.

Das zeigt einen Aspekt des Tao auf, der meiner Meinung nach wirklich gut ist. Oft höre ich Leute, die sagen, dass die Lehren des Tao, wie viele andere religiöse Lehren einfach „allgemeine Grundsätze“ sind, die man selbständig erkennen kann, wie z.B. nett zu anderen sein, keine bösen Absichten haben, etc. Nun, liebe Leute, das ist es, was ich als einen Kindergarten-Level der Spiritualität bezeichnen würde. Hier sind Sie und ich an einem Punkt, an dem große Wahrheiten nicht immer intuitiv erfassbar sind, sie jedoch in einer Schönheit und Klarheit erblühen in dem Moment, in dem Sie lernen, sie zu sehen. Das ist ein Niveau, auf dem Einsicht und Erleuchtung schwer erreicht und gesucht werden, und wie ein Schatz gehütet werden, hat man sie einmal erreicht.

Kommen wir zum Punkt. Warum sollten wir uns die Mühe machen, über das Tao zu sprechen, wenn es doch über bloße Worte erhaben ist? Wie können wir unsere Diskussion über das Tao mit seiner transzendentalen Charakteristik vereinbaren? Der leichteste und beste Weg, um dies zu erreichen ist die Verwendung einer Analogie.

Stellen Sie sich das Tao als den Sport, das Hobby des Fahrradfahrens vor. Stellen Sie sich die Kultivierung des Tao vor, als würden Sie radfahren lernen. Für beide Tätigkeiten ist die direkte Erfahrung absolut notwendig. Wenn Sie radfahren lernen wollen, müssen Sie sich auf ein Fahrrad setzen und es tun. Es gibt keine andere Möglichkeit. Sie können über das radfahren reden, so viel Sie wollen, doch sie werden nie wissen, wie es sich anfühlt, solange Sie nicht Ihre Hände an der Lenkstange haben, ihr Hinterteil auf dem Sitz und versuchen, vorwärts zu kommen. Einzig mit Worten darüber zu sprechen, wird Ihnen nie die Fähigkeit verleihen.

Das Tao zu kultivieren, ist genau das. Sie müssen es einfach leben. Es gibt keine andere Möglichkeit. Wir können über das Tao leben, bis wir ganz blau im Gesicht sind, und doch immer noch nicht das wahre Verständnis dafür erlangen. Daher heisst es, das Tao ist über Worte erhaben. Es basiert auf einer Grundlage, die Sie selbst erfahren müssen. Niemand anderer kann das für Sie tun oder es Ihnen vollständig beschreiben.

Das Fazit ist somit, dass kein Reden und Erklären die echte Aktivität auf einem echten Fahrrad ersetzt. Das Tao, das man nennen kann, ist nicht das ewige Tao. Hier ist nun die Kernfrage: Bedeutet das, dass wir nicht über das Radfahren reden können oder dürfen?

Wenn ich die Frage so stelle, können Sie sehen, wie absurd sie ist. Bevor ich mir ein Fahrrad zulege, können Sie und ich diskutieren, welche Art von Fahrrad ich kaufen soll, und wo man günstige Angebote finden kann. Bevor wir uns das erste mal drauf setzen, erachten wir es für sinnvoll, Sicherheitstipps zu beachten. Diese Diskussionen können sinnvoll sein und lenken garantiert nicht von der grundlegenden Erfahrung des Lernens und Fahrens ab.

Stellen Sie sich nun vor, ich sage folgendes:  „Radfahren kann nie in bloßen Worten vermittelt werden. Die Aspekte des Radfahrens, die beredet werden, können nie die tatsächliche Erfahrung des Radfahrens selbst sein. Daher weigere ich mich, über irgend etwas zu diskutieren, das mit Fahrrädern zu tun hat. Jeder, der über das Thema spricht, weiss nicht, wie man radfährt., da das Gefühl des Radfahrens über gesprochene Worte erhaben ist. Alle Diskussionen über das Radfahren sind letztendlich sinn- und inhaltslos, sie dienen nur zum Beweis der Ignoranz aller Beteiligten.

Wie lächerlich wirkt doch das oben gesagte! Nachdem wir gelernt haben, Rad zu fahren, sind wir bestrebt, es umso mehr zu bereden. Vielleicht kennen Sie einen hübschen Park oder einen Strandabschnitt am Ozean oder einem See, den Sie für Ausflüge empfehlen möchten. Möglicherweise bin ich in einem Geschäft für Radfahrzubehör und möchte zusätzliche Informationen einholen. Solche Diskussionen sind weit davon entfernt, bedeutungslos zu sein; sie können unsere Radfahrerfahrung enorm erweitern.

Das Tao, das gesprochen werden kann, ist nicht das ewige Tao. Es ist wichtig für uns, genau zu verstehen, was dieser Satz sagen will, und was er nicht sagen will. Er sagt aus, dass nach allen Beschreibungen und Erklärungen, die Sie möglicherweise erhalten können, die Grundessenz des Tao selbst erlebt werden muss. Das ist ein Feststellen über die Realität, nicht eine Verdammung von Beschreibungen und Erklärungen.

Untersuchen wir die Fahrrad-Analogie ein bisschen eingehender. Wenn Sie das allererste Mal versuchen, Rad zu fahren, fallen Sie möglicherweise ein paar mal um, bevor es wirklich erfassen. Früher oder später kommt der magische Moment, in dem Sie plötzlich feststellen, dass Sie vorwärtskommen können, während Sie gleichzeitig die Balance bewahren. Dann erfassen Sie auch, dass das ständige Vorwärtsgehen der Schlüssel zur Balance ist – die zwei Aspekte sind gänzlich miteinander verbunden, einer kann nicht ohne den anderen existieren.

Danach wird es von Ihnen verinnerlicht. Sie können auf ein Fahrrad steigen und einfach fahren, ohne darüber nachzudenken, welcher Mechanismus dem zugrunde liegt. Und, wenn Sie es erfahren haben, werden Sie es für den Rest Ihres Lebens nicht mehr vergessen.

Inzwischen können Sie möglicherweise sagen, dass ich in obenstehendem eigentlich überhaupt nicht über das Radfahren rede. Ich spreche über die möglichen Fehlstarts, die wir haben können, wenn wir beginnen, das Tao in unserem täglichen Leben umzusetzen. Wie ein Anfänger, der vom Rad fällt, kapieren wir es nicht und können uns nicht vorstellen, was wir falsch gemacht haben. Wir glauben, die richtigen Prinzipien angewendet zu haben – richtig zu treten – und doch sehen wir nicht die harmonischen Auswirkungen, die wir uns erwartet haben.

Wenn wir uns nicht entmutigen lassen und es weiter versuchen, werden wir den Zugang zum Tao endlich erfassen. Da kann der magische Moment passieren, in dem Sie feststellen, Sie haben eben wuwei erfahren; oder Sie fühlen eine Ruhe, die heiter und doch nicht passiv ist; oder vielleicht geraten Sie auf der Suche nach Weisheit und Wissen an einen Punkt der Einfachheit.

Wie auch immer Sie den Punkt erreichen, sie haben Sich mit dem Tao verbunden und es sich mit Ihnen. So wie ein Radfahrer nie vergessen kann, wie man fährt, prägt Sie Ihre Erfahrung mit dem Tao unverkennbar von jenem Moment an. Auf einem spirituellen Level haben Sie eine nicht rückgängig zu machende Veränderung erfahren und werden nie mehr derselbe sein.

Wenn Sie nicht radfahren können, ersetzen Sie das durch jeden anderen Sport, den Sie kennen, vielleicht eislaufen, rollerbladen oder wasserschifahren. Sie werden erkennen, dass alles oben gesagte genauso zutrifft. Sie können das Schifahren oder Skaten nicht durch Worte erfahren. Sie müssen es tun.

Es muss kein Sport sein. Betrachten Sie das Gefühl, wenn Sie singen, tanzen oder ein Kreuzworträtsel lösen. Alles ist über die Macht der beschreibenden Worte erhaben. Egal, um welche Aktivität es sich handelt – athletisch, physisch, mental, oder ähnliches – der Schlüssel dazu ist, es mit Ihrem ganzen Sein zu erfahren und mit ihm eins zu werden.

Das Tao, das gesprochen werden kann, ist nicht das ewige Tao. Es ist faszinierend, wie so ein einfacher Satz so allgemein eingesetzt werden kann. Gleichzeitig sollte es uns alle nicht verwundern wenn wir uns an die einfachste Natur des Tao erinnern – das Prinzip, das jedem Aspekt des Universums zugrunde liegt.