Das Tao ist Tao

von Jos Slabbert

Alle diese Gedanken,
Worte auf Papier,
kommen vom Tao
und kehren zum Tao zurück.
Jedoch berühren sie es nicht.

 

 

1

Auch wenn der letzte Stern
implodiert ist
und nur Finsternis herrscht,
wird das Tao Tao sein:
Leere in Leere,
Stille in Stille,
nirgendwo,
jedoch überall;
jenseits der Existenz,
doch die Essenz des Lebens.

2

Das Tao ist Stille,
die nicht mit Worten
beschrieben werden kann.
Das Tao ist Leere,
die nicht einmal von Stille
erfasst werden kann.

3

Wir kommen aus der Stille,
wir kehren zur Leere zurück.
Alle Bewegung und Form
zwischen Stille und Leere
manifestieren
Leere und Stille.

4

Das Tao hat
keinen Anfang,
kein Ende,
keine Vergangenheit,
keine Zukunft.
Sogar dieser Augenblick
ist eine Illusion.


5

Das Tao ist die Quelle aller Worte
für jene, die schweigen.

6

Das Tao gibt jenen wahre Kraft,
die ihre Macht nicht benutzen.

7

Das Tao füllt jene mit Gedanken,
die nicht an Konzepten haften.

8

Das Tao zeigt jenen den Weg,
denen er nicht gezeigt werden braucht.

9

Das Tao
nähert sich jenen,
die aufgehört haben,
das Tao zu suchen.

10

Das Tao
schützt keinen,
doch der einzige Schutz
liegt in der Harmonie
mit dem Tao.

11

Das Tao will keine Anbetung,
doch alle Wesen werden still
angesichts der Schönheit und des Mysteriums
des Tao.

12

Das Tao
will keinem irgendetwas beibringen,
doch wahre Weisheit kann
vom Tao erlernt werden.

13

Das Tao
hat nichts zu verschenken,
doch das Leben selbst
kommt aus dem Tao.

14

Der wahre Mensch des Tao
zeigt Liebe
ohne auf Gewinn zu hoffen,
denn er kann einen gefundenen Schatz
wegwerfen.

15

Der Mut
in Liebe zu handeln
kommt aus
der Annahme
der Leere.

16

Unwissende sehen das Gewühl,
das vor ihren Augen flimmert,
als die einzige Realität.
 Der Mensch in Harmonie mit dem Tao
sieht die Formen,
die sich um ihn bewegen, als:
leer und von kurzer Dauer,
doch zeitlos und wirklich;
bloße Gedanken,
nichts mehr als Emotionen,
unwirkliche Träume,
jedoch die Substanz des Lebens,
untrennbar von
Leere
und
Stille.


17

Analytisches Denken,
das trennt und zerstückelt
bringt nicht
den Geist zur Ruhe,
denn der Geist findet Frieden
in Einheit,
die nur
in der Leere
existiert,
wo das Denken keinen Einfluss hat.

In den Bereich des Geistes zu treten
bedeutet das Denken hinter dir zu lassen.
Kannst du über den Abgrund schreiten,
ohne zu wissen,
was in der Tiefe ist?
Das Leben fängt so an.

18

Während die Flüsse erstarrten,
und die Berge sich versetzten,
bewegte sich sein Geist
und die Blätter raschelten im Wind.

19

Wie Eis auf dem Fluss treibend
am Ende des Winters,
verschwand er in die Leere
als er sich mit dem Tao bewegte.

20

Sogar wenn der Geist sich beruhigt hat,
stürmt er noch stets wütend auf die Leere zu,
wie die Dünen der Wüste
gegen die schweigenden Berge.

21

Nachdem das Ego erloschen ist,
steht das wahre Selbst auf aus seinem Staub
wie Wüstenblumen
nachdem Frühlingsregen
über dürre Flächen geweht hat.

22

Wahrer Glaube
ist
vollkommenes Vertrauen
ohne
Verständnis.
Es bedeutet
die stille Annahme
der Stille.


23

Der Weise des Tao
sucht nicht,
 denn er nimmt die Leere an.
Er erklärt nicht,
denn die Stille braucht keine Erklärung.

24

Die Unwissenden
argumentieren und streiten heftig.
Der Weise des Tao
lächelt und genießt seinen Tee.

25

Die intelligente Person
gewinnt ihre Argumente
und verliert.
Die dumme Person
verliert ihre Argumente
und schmollt.
Die weise Person
weigert sich zu argumentieren

 


und gewinnt.
Der Weise des Tao
argumentiert nicht,
denn er hat nichts zu sagen.

26

Stille ist nicht eine Form der Unwissenheit,
doch Schweigen könnte dumm sein.

Gesprächigkeit ist dumm,
doch Worte können Stille ausdrücken.

Der Weise des Tao
benutzt Stille
um die Stille zu erklären.

27

Das Streiten über Unaussprechbares
verursacht
Hass und Angst.
Der Weise des Tao
weiß
nur Stille
bringt
Mitgefühl.

28

Unwissende
streiten über Unergründbares,
und vernichten
Weisheit und Nächstenliebe.
Der Weise des Tao
weiß
das Wesentliche
liegt
jenseits von Worten,
und er zieht es vor,
zu schweigen.

29

Die Stille des wahren Weisen

 


wiederspiegelt
die wesentlichen Worte
derjenigen,
die bereit sind,
zuzuhören.

30

Das Bewusstsein der Vollkommenheit
ist das Symptom ihres Verlusts.

Wenn Vollkommenheit das Ende von Bewegung bedeutet,
gibt es keine Vollkommenheit.

Der Weise ist sich
fortwährender Unvollkommenheit bewusst.
Der Mensch in Harmonie mit dem Tao
findet Kraft in der Veränderung.

31

Das Tao ist unvorsehbar
für jene, die Pläne hegen.
Nur diejenigen ohne Agenda
leben in Harmonie mit dem Tao.

32

Sogar in der Leere
spürt man noch einen Hauch des Atems.
Sogar in der totalen Stille
flüstert der Wind in deinem Ohr.

33

Wenn ich nicht existierte,
wessen Schmerz spüre ich
wenn ihr Unmut
drohend über mir hängt?

Wenn ich eins mit der Stille geworden bin,
was in mir
stöhnt vor Schmerz
wenn ihre lieben Augen kalt werden?


 


Wenn ich leer bin,
wessen Stolz
hält mich nachts wach?

34

Warum klammere ich mich an mein Selbst
als ob ich wirklich existiere?
Ich weigere mich, das zu akzeptieren,
was ich durch das Leiden betreten werde.

Hinter mir sind
Illusionen der Realität,
vor mir
Leere
und
Stille.

35

Wie Feuer ohne Brennstoff
sich in der Kälte in Asche verwandelt,
wird Glaube, der von Emotionen zehrt,
dich mit Sicherheit im Stich lassen
wenn du ihn am meisten benötigst.
Der Weise des Tao
ignoriert Emotionen
und wendet sich ab
von Überzeugungen,
die von dem Ego
angeheizt werden.
Der Weise des Tao
klammert sich nicht einmal an die Stille,
denn wenn man sich in der Stille versteckt,
kehrt man der Leere den Rücken.

36

Menschen, die hassen,
sehen nicht
die Leere und Schönheit,
die allen Wesen innewohnen.
Der Weise des Tao,
der in der Leere verweilt,
braucht keine Gnade zu zeigen,

 


denn es gibt niemandem,
dem zu verzeihen ist.
Seine Nächstenliebe ist standhaft,
denn sein Mitgefühl
kommt aus der Leere.

37

Die Gerechten
bestehen auf Gerechtigkeit
und reißen die Augen der Blinden aus
um sie sehen zu lassen.
Der Weise des Tao
lebt außerhalb des gnadenlosen Kreises von Rache und Hass,
denn er weiß,
es gibt keine Wut im Frieden.
Ein Augenblick der Rage vernichtet leicht
die Früchte der Güte,
die über tausend Jahre erworben sind.
Nur Geduld
führt zu
Frieden.

Nur in einem ruhigen Teich
kann der Mond
in seiner Vollkommenheit
wiederspiegelt werden.

Die Gerechten
wollen “Ein Auge um ein Auge”.
Der Weise des Tao
will eher blind sein.

38

Die Unwissenden
sind verwirrt,
und sehen Erfindung als Wirklichkeit.
Deswegen sind sie verzweifelt
wenn sie mit
ihrer eigenen Unwichtigkeit und Sterblichkeit
konfrontiert werden,
denn sie erkennen nicht,
dass diese nur Hirngespinste sind.
In ihrer Angst,

 


widerstreben sie
dem natürlichen Gang des Tao
und hängen an
Illusionen der Unsterblichkeit und Beständigkeit.
In ihrer Ratlosigkeit,
weigern sie sich,
das Licht nach innen zu wenden,
und lassen so ihr wahres Selbst
in Finsternis.
In fortwährender Unruhe,
sind sie getrieben
von jedem Lustobjekt,
dem sie begegnen.
In ihrer Hilfslosigkeit,
sind sie festgefangen
von den Augen der Leute um sie.

Die Person in Harmonie mit dem Tao
hängt an nichts
und akzeptiert mit Ruhe
was Verwirrte als
Unwichtigkeit betrachten,
denn Illusionen berühren sie nicht.
Völlig distanziert,
akzeptiert
der Weise des Tao
Mortalität
als Freude und Schmerz
der Ankunft und des Abschieds,
Die Person in Einklang mit dem Tao
wird berührt,
doch nicht beherrscht
von den Augen um ihn.

39

Unwissende
fürchten
und leben in Wut auf
das unausweichliche Gesetz
der Kausalität.
Sie versuchen Karma zu bändigen
als ob es ein Untier wäre,
das getötet werden könnte.
Sie kriechen vor ihren Göttern

 


als ob deren Gunst
Karma außer Kraft setzen könnte.
Samsara,
das Rad der Geburt, des Lebens, des Leidens und des Todes,
überrollt sie
und zerbricht sie.

Der Weise des Tao
weiß,
dass dem Karma nicht zu entkommen ist,
doch lebt er frei von Angst,
denn er weiß,
er selbst ist Samsara,
und das Rad kann nicht über sich selbst rollen.

Der Mensch in Einklang mit dem Tao
lebt ohne Wut,
denn er versteht
Karma ist nichts anderes als er selbst:
es gibt nichts auf das man wütend sein kann.

Der Weise des Tao
lebt als ob
die unerbittliche Gerechtigkeit des Karma
und die gnadenlose Unumkehrbarkeit des Samsara
ihn nicht berühren,
denn
er ist von sich selbst befreit.

40

Der Tor
vollbringt seine guten Taten
demonstrativ in der Öffentlichkeit,
und erntet Lob and Eitelkeit,
wodurch er die wahren Früchte der Güte verliert.

Die Religiösen
tragen Bescheidenheit
auf ihren Köpfen
wie eine Krone,
und fallen so Eitelkeit zum Opfer.

Die Weisen
vermeiden

 


gute Taten in der Öffentlichhkeit,
denn sie wissen
einzig und alleine
gute Taten in der Verborgenheit 
segnen den Geist.
 
Der Weise des Tao
weilt in der Leere,
und sorgt sich nicht um Meriten.
Er tut einfach
wozu Mitleid und Liebe
ihn veranlassen,
unabhängig davon,
ob er in der Öffentlichkeit
oder
in der Sicherheit der Verborgenheit
handelt.

Das wahre Selbst
ist in dem Tao zentriert,
und kann nicht
durch Lob beschädigt werden.
Es braucht nicht
die Nahrung der Bescheidenheit.

Das wahre Selbst
ist Teil des Absoluten
und wirklich frei.

41

Wahre Freiheit
ist
völlig ohne Haftung zu leben,
frei von Begierde
und Unwissenheit.
Es ist
in Stille und Leere zu weilen,
woher Weisheit und Liebe kommen,
in vollkommener Harmonie
mit dem ewigen Fließen des Tao.

Der Weise des Tao
haftet nicht einmal
an Freiheit.

 


Er ist
wahrhaft frei.

42

Kommt alles vom Tao?
Säuglinge, aufgeschwollen vor Hunger,
ihre Mütter verzweifelt vor Trauer?
Kindersoldaten, die betäubt
Menschenglieder abhacken?
Krieger in der Luft
welche die Unschuldigen quälen?
Unschuldige Wesen,
den Tod riechend,
aufgereiht für das Schlachtersmesser?
Kommt dieses unerschöpfliche Leiden vom Tao?
Und kehren jene kleinen ausgemergelten Leichname
wieder zum Tao zurück?

Wenn wir leer sind,
warum fließt so viel Blut aus uns?
Wenn die Realität nur in meinem Gehirn besteht,
warum stinken Leichname?

Wie kann ich meinen Spiegel putzen
wenn es Blutflecken auf meinem Mantel gibt?
Wie kann ich mich in der Leere verstecken
wenn das Leiden so wirklich ist?

Wenn die Realität eine Illusion ist,
warum wird das Geschrei,
das meine Ohren erreicht,
nicht leiser?

Wie kann ich persönlichen Frieden suchen
wenn Menschen nach Nahrung suchen?

Nur wenn wir
in Harmonie mit dem Tao
leben
wird Harmonie möglich sein.
Es gibt keinen anderen Weg.
Nur wenn Liebe und Weisheit
im Überfluss
aus der Leere und der Stille fließen,

 


wird Grausamkeit versagen
und Gnade herrschen.

43

Der Mensch des Tao
ist weise
wie ein neugeborener Säugling
noch bevor der erste Gedanke
in seinem Gehirn entstanden ist.
Der Mensch des Tao
 ist so unschlagbar
wie ein junges Kind,
das von Unschuld geschützt wird.
Der Mensch des Tao
bewegt sich in der Welt,
doch er wohnt im Tao.

44

Der Intellektuelle
sucht nach Bedeutung und Synthese,
und versucht verzweifelt
die großen Paradoxe des Lebens zu lösen.

Der Mensch nahe an dem Tao
braucht weder Bedeutung noch Synthese,
denn er lebt in Harmonie mit den Paradoxen,
welche die zerbrochene Sprache des Geistes sind,
die das Unerklärbare andeuten.

45

Das Tao ist absolut
und abhängig von niemandem,
am wenigsten von Priestern und Jüngern,
die das Unergründliche
verwandeln
in Doktrinen des Einflusses.

Das Tao ist kein Konzept
und kann nicht mit Worten verbreitet werden.
Das Absolute braucht keine Werbung,
denn es ist nirgendwo und überall.


 


Der Weise des Tao
hat keine Mission zu erfüllen
und zieht es vor,
still und unsichtbar zu sein.

46

Unwissenheit
ist nicht
Unkenntnis,
sondern das Fehlen von Glauben
an das Unergründliche.
Unwissende
haften an Information
als ob Kenntnis
das Unerklärbare
erklären kann.
   Der Weise des Tao
lebt
in Harmonie
mit dem Mysterium.

47

Unwissenheit
ist die Wurzel
allen Leidens.

Unwissende
versuchen dem Leiden zu entkommen
indem sie Kenntnis sammeln,
und vermehren dadurch
ihre Unwissenheit.

Der Weise
sucht Bedeutung im Leiden
indem er Wissen sammelt,
und vermehrt dadurch
sein Leiden.

Der Weise des Tao
isst Aprikosen im Sommer
und sitzt am Feuer im Winter.

48

 


In ihrer Unruhe
versuchen
Unwissende
ihren Lebensdurst
mit Objekten der Begierde zu löschen,
die,
wie salziges Wasser,
sie nur durstiger
und erregter lassen als zuvor.

Annahme der Leere
und des Schweigens
bringt den Unruhigen Frieden,
denn das Tao
ist wie
ein bodenloser Brunnen
bis zum Rande
mit frischem Wasser
gefüllt.

49

Wird der Mensch nahe an dem Tao
aussterben
in einer Welt, in der das Ego die Norm ist?
Wird Verzweiflung den weisen Menschen
vom Tao entfernen
während seine Nächstenliebe sich in Bitterkeit verwandelt?
Ist es nicht unausweichlich
in einer Welt der Unwissenheit,
dass der neugeborene Geist von sich selbst entfremdet wird
noch ehe er seine ersten zaghaften Schritte machen kann?
Wird die Unschuld nicht von Begierden vernichtet
noch ehe die Unschuldigen eine Chance haben
zu wählen?

Ist unsere Harmonie mit dem Tao nicht unwiderruflich verloren?

Verzweifle nicht!

Das Tao ist in uns,
und wir sind in demTao.
Es gibt keine Trennung
vom Tao.


 


So wie ein Blitz
die dunkle Nacht erhellt,
wird ein einziger Augenblick der Erleuchtung
einmal in tausend Jahren
die Unwissenheit
vertreiben.

Das Tao hat keine Macht,
doch es ist unbezwingbar.

Das Tao ist wie fließendes Wasser,
das weich ist,
und die Härte
scheint es zu bezwingen,
doch es spült Berge
ins Meer.

50

Auch wenn du
jedes Detail des Universums
verstehst,
und wenn du das Geheimnis des Lebens
aufgedeckt hast,
wirst du vollkommen unwissend sein
wenn du nicht in der Leere weilst,
woher alle Nächstenliebe fließt.

Auch wenn du keine Ausbildung genossen hast
und nicht einmal deinen eigenen Namen schreiben kannst,
wirst du ein wahrhaft Weiser sein
wenn du in der Leere weilst,
woher alle Nächstenliebe fließt.

51

Aufzuhören zu denken ist torhaft
wenn es ums Überleben geht,
jedoch ist es noch dümmer
nicht in die Stille einzugehen,
wo das Denken keine Rolle spielt. 

Der Weise des Tao
denkt, wenn das Denken erforderlich ist,
aber die Stille bricht er nie.

 


52

Der reine Klang der Glocke
durchdringt das Ohr
des Weisen und des Tors zugleich,
aber nur
der Weise des Tao
hört
den klaren, stillen Ruf des Tao.

53

Der Überfluss und die Schönheit
des üppigen grünen Tals
erblicken
Bauer, Dichter und Heiler zugleich,
aber der Weise des Tao
sieht die Herrlichkeit des Tao.

54

Die Sinne füllen unseren Verstand
mit einem fortwährenden Strom
der Formen und Gefühle,
welche die Unwissenden zu Taten reizen.
Der Weise des Tao
handelt nicht,
denn er erkennt
nur Leere und Stille.


Die Person nahe an Tao
ignoriert die Herausforderung
und wird nur bewegt
von Nächstenliebe,
die aus der Stille kommt.

55

Der bescheidene Mensch nahe an Tao
wird jeden Tag weniger.
Wenn er sich völlig aufgelöst hat,
bleibt nur sein wahres Selbst bestehen.

56

 


Erleuchtung ist nicht Gewinn;
sie ist der Verlust alles Kostbaren.
Sogar Weisheit und Wahrheit verschwinden
wenn nur noch Stille und Leere bestehen.

57

Der ungeduldige Tor
überquert den wilden Fluss
um von der Flut überwältigt
und weggespült zu werden.
Der Weise
benutzt seine Weisheit
als ein festes Floß
 um den Fluss zu überqueren
und das gegenüberliegende Ufer zu erreichen.
Der Weise des Tao
hat die Geduld
zu warten,
bis die Flut sich beruhigt hat,
aber dann überquert er nicht den Fluss,
sondern sitzt an seinem Ufer
in ruhiger Gelassenheit,
und bewundert die perfekte Wiederspiegelung
des Mondes
in den stillen Wassern.

58

Die Person in völliger Harmonie mit dem Tao
ist gutmütig und hilfsbereit
nicht für eine Belohnung,
sondern
sie ist gutmütig und hilfsbereit
weil
sie gutmütig und hilfsbereit ist.

59

Die Person nahe an Tao
sieht keinen Sinn,
und hat keine Ziele,
doch lebt sie ein Leben
voller Sinn
und erreicht alle Ziele.

 


60

Die Unwissenden brauchen Ziele;
sie handeln nach Plänen.
Die Weisen brauchen keine Ziele;
sie handeln nach Einsicht.
Diejenigen in Harmonie mit dem Tao
handeln nicht;
sie tun einfach
den nächsten Schritt..

61

Ohne das Tao
ist
Niederlage Verlust,
Sieg Gewinn.
Mit dem Tao
gibt es keine Niederlage,
und Sieg hat keinen Wert.

62

Der Weise
weiß
sein Licht scheint nur
wenn er es versteckt.
Die Person in Harmonie mit dem Tao
weiß nicht einmal,
dass sie ein Licht
zu verstecken hat.

63

Das wahre Wort
besteht nicht,
denn das Tao
hat
keinen Namen.

64

Der Tor
wird von seinen Gedanken
beherrscht.

 


Der Weise
beherrscht
seine Gedanken.
Die Person in Harmonie mit dem Tao.
lebt
in der Stille.

65

Gedanken
formen
die Unwissenden.
Die Person nahe an dem Tao
wird von der Stille
geformt.

66

Die Unwissenden klagen und fluchen
wenn das scheinbar Feste
sich verflüchtigt
sobald sie es anfassen.
Der Weise sucht verzweifelt
nach Gerechtigkeit,
die sich in Ungerechtigkeit verstecken soll.
Die Person in Harmonie mit dem Tao
weiß
das Feste
ist Illusion,
und Gerechtigkeit
unerreichbar
wo Begierde herrscht.

Die Person nahe an dem Tao
weiß
Desillusion und Verzweiflung
ist der Eingang
zur Erleuchtung.

Die Person,
die sich mit dem Tao bewegt,
lebt ihr Leben
jeden Augenblick
in spontaner Harmonie
mit ihrem wahren Selbst

 


als ob das Leben selbst
der einzige Sinn wäre.

Für die Person in völliger Harmonie
mit dem Tao
ist Sinn unnötig
und Verzweiflung unbekannt.

67

Der Weise glaubt
Ziellosigkeit
ist eine Schwäche.
Die Person nahe an dem Tao
benutzt
Ziellosigkeit
als eine Stärke.

68

Der Weise bestimmt sein Schicksal
durch noble Gedanken.
Die Person in Harmonie mit der Tao
hat kein Schicksal,
das bestimmt werden soll.

69

Die Person in Harmonie mit dem Tao
beachtet Gerechtigkeit nicht
und gehorcht keinen Gesetzen:
sie wird nur von Nächstenliebe bewegt.

70

Wenn du es am wenigsten erwartest,
wird das Ego,
das für tot erklärt worden ist,
deine Gedanken überwältigen,
und binnen eines Augenblicks
wirst du so weit entfernt von dem Tao erscheinen,
wie der Himmel von der Erde.

Ist es dir schon je passiert?
Verzweifle nicht!

 


Lass es los!
Tu das Nächstliegende!

Zuzugeben, dass man versagt hat,
ist eine erniedrigende Erfahrung
der Erleuchtung ähnlich.
In einem einzigen Augenblick wirst du entdecken
dass Himmel und Erde gleich sind und
dass du noch nie von dem Tao getrennt warst.

Die Person in Einklang mit dem Tao
lebt in Harmonie mit dem Versagen
und versagt nie.

71

Die Nächstenliebe könnte einen destruktiven Plan haben.
Weisheit könnte selbstherrliches Gequassel sein um Eindruck zu schinden.
Freundschaft könnte so kurzlebig sein wie eine Luftblase auf einer Welle.
Besitz verkrümmelt leicht zu Staub.
Erfolg ist eine Illusion, die vom Ego genährt wird.
Beliebtheit ist ohne Substanz und unstethaft.
Sogar das Leben ist flüchtig:
ein Schattentanz auf einer Wand.
Doch alle diese Dinge -
Nächstenliebe,
Weisheit,
Freundschaft,
Besitz,
Beliebtheit,
das Leben -
sind Wirklichkeit
wenn sie aus der Leere kommen.

72

Kamoufliert als die Güte in all ihrem Glanz,
liegt die Eitelkeit im Versteck bereit,
ihr Opfer,
die Unschuld,
zu zerreißen und zu verschlingen.
Die Ehrgeizigen sind ihre Hauptdiät,
denn sie sind leicht vom Glanz angezogen.
Die Religiösen fallen der Eitelkeit zum Opfer,
weil sie versessen auf ihre Seelenrettung sind.

 


Die Weisen werden Opfer der Eitelkeit,
denn sie verlieben sich in die Konzepte der Güte.

Die Person in Harmonie mit dem Tao
lebt außerhalb der Reichweite der Eitelkeit,
denn sie hängt nicht an der Güte,
sondern weilt in der Leere,
und benutzt die Stille als ein Schild.

73

Das Ego ist ein schrecklicher Gebieter,
der dich zur Verzweiflung treibt.
Sobald der Geist
sich erschöpft hat,
bist du
restlos
verloren.

Die Person in Einklang mit dem Tao
hat kein Ego,
das sie
zur Erschöpfung
treibt.
Sie ist nie zu beschäftigt,
denn sie flieht nicht
von ihrem wahren Selbst.

74

Begierde ist der Brennstoff des Ego.
Du wirst nie dein wahres Selbst finden
so lange dieses Feuer in dir brennt.
Sogar die Begierde gut zu sein
wird dich am letztendlich korrumpieren.
Wahre Güte kommt aus der Leere,
wo das Denken aufgehört hat und
das Feuer erloschen ist.

75

Die Nächstenliebe verwandelt
Schuld in Unschuld
während sie das Farcenhafte
umwandelt

 


in echte Begegnungen,
die das Unergründliche deuten.

Das wahre Selbst ist unschuldig wie ein Baum,
der seine Wurzeln in der Erde verankert,
und mit seinen Zweigen den Himmel umarmt.

76

Erleuchtung
ist wie ein Kind,
das seine Hände ausstreckt
nach einer wunderschönen Blase,
die vor ihm schwebt,
es mit ihrem Lichtspiel verzaubert,
und wenn die Blase zerplatzt
als es sie ergreift,
schaut das Kind
das Nichts
in der leeren Luft
erstaunt und voller Verwunderung an.


 77

Die Stille
der Person in Harmonie mit dem Tao
ist mächtiger als
das Getöse der Demagogen,
doch ihre Stille kann nur wahrgenommen werden
von jenen, die still sind.

78

Um der Person nahe an dem Tao
Beleidigungen zuzuwerfen
ist wie
Steine in die Leere zu werfen.

Die Person in Einklang mit dem Tao
hängt an nichts
und hat deswegen
nichts zu verlieren.
Sie kann nicht verletzt werden,
denn sie hat

 


die Leere angenommen.

79

Es ist wahr
dass in diesem Leben
das Leiden
unvermeidlich ist,
doch nicht alles Leiden
ist unumgänglich.

Die Unwissenden
schaffen ihre eigene Agonie
wenn sie erlauben,
dass ihre Begierde und ihr Hass
die Fiktion in ihrem Gehirn
in die Realität des Leidens verwandeln.

Die Person in Harmonie mit dem Tao
erleidet nicht
hirngespinstige Schmerzen
verursacht
von Begierde und Hass.
Sie
vermeidet
das Vermeidliche,
denn ihre Stille ist vollkommen.

Wenn sie dem Unvermeidlichen
ins Gesicht schaut,
leidet
die Person in Harmonie mit dem Tao
mit jenem Gleichmut und jener Geduld,
die einzig und alleine
die Annahme der Leere
mit sich bringt.

80

Die Gierigen streben nach Glück
als ob es ein Besitztum wäre,
das erworben oder gekauft werden kann.
Sie verstehen nicht,
dass Glück kein Besitz ist.
Es ist eine geistige Qualität,

 


die so unergreifbar ist
wie der Wind,
der dein Gesicht streichelt.

Diejenige, die das gefunden haben,
was sie als Glück bezeichnen,
werden krampfhaft daran festhalten,
und es so vernichten,
wie jemand, der eine schöne Blume
in gieriger Umarmung zerquetscht.

Die Person in Harmonie mit dem Tao
versteht,
dass der Glanz des Glücks oft
eine Fassade ist,
 hinter der
Unzufriedenheit und Begierde
toben.

Die Person nahe an dem Tao
weiß:
wenn das Glück
ein unveränderliches Gefühl wäre,
bestünde es nicht;
wenn das Glück
ein Ziel wäre,
würde es
am Ziel
augenblicklich
verschwinden.
Wenn das Glück daraus bestünde,
das Ego zufrieden zu stellen,
wäre es eine Form der Hölle.

An Glück zu haften
bläst das Ego auf
und
vernichtet die Nächstenliebe.

Leute nahe an dem Tao
lassen das Ego unbeachtet:
sie brauchen kein Glück,
denn sie leben.

81

 


Dem Ego zu dienen
ist eine falsche Identität
anzubeten,
die von dir selbst geschaffen wurde.
Es ist wie ein Mann,
der an Gedächtnisschwund leidet,
der sich selbst neu entwirft,
weil er vergessen hat,
wer er ist.
Es ist wie in einem Tagestraum zu leben.
Wenn du aus dem Traum erwachst,
wirst du feststellen,
das Bild im Spiegel
ist
das Bild eines Fremden,
doch dein wahres Selbst.

Im Augenblick des Erwachens,
wenn Traum und Realität sich trennen,
wirst du begreifen,
was du für dein wahres Selbst
gehalten hast,
hat nie existiert.

Während du dich dem Fremdling näherst,
wird das Bild im Spiegel verblassen
und verschwinden.


Die wahrhaft Erleuchteten
schauen in den Spiegel
und sehen
nichts außer
Leere.

82

Die Person nahe am Tao
lebt
ohne Hoffnung
und ist nie enttäuscht.
Ihre Dankbarkeit
kennt
keine Grenzen.
 

 


83

Der Weise des Tao
ist nicht so grausam als dass
er die andere Wange hinhält.
Er läuft einfach davon.

Der Weise des Tao
gibt nicht nach
um somit zu siegen.
Er weigert sich, zu kämpfen.

Dennoch, wenn echte Gefahr droht,
mit keinem anderen Ausweg,
begegnet
der Weise des Tao
dem Vernichter
wie ein wahrer Krieger,
der nichts zu verlieren hat,
denn seine Kraft
kommt aus der Leere.

84

Die Person in Harmonie mit dem Tao
wird eher Gesicht verlieren
als andere zu manipulieren,
um Gesicht zu wahren.
Wenn nicht-manipulative Handlung
sie nicht retten kann,
bevorzugt sie die Unehre.

Die Person nahe an dem Tao
wird nicht berührt
von der Meinung anderer,
denn sie wohnt in der Leere,
wo es keinen guten oder schlechten Ruf gibt.
 
85

Die Person in Harmonie mit dem Tao
traut keinem,
der behauptet,
weise zu sein,
denn sie weiß,

 


die Weisheit lobt sich nie selbst. 

86

Die Person nahe an dem Tao
findet
offene Erklärungen der Nächstenliebe
suspekt,
denn sie weiß,
die Nächstenliebe ist bescheiden
und wirkt im Verborgenen.

87

Die Person in Einklang mit dem Tao
vermeidet
heilige Männer,
die sich selber loben,
denn sie weiß,
das wahre Selbst
braucht kein Lob.

88

Wenn die Person in Einklang mit dem Tao
nicht imstande ist,
Leute zu vermeiden,
die sich über das Leid anderer freuen,
tut sie schweigend ihre Pflicht,
wohl wissend,
dass ihre Stille mächtiger ist,
als die Unverschämtheit
der Unwissenden.
 
89

Die Unwissenden
fühlen sich kalt und einsam
wenn sie
an das Tao denken,
unerfassbar,
ohne Mitleid,
jenseits ihres Zugriffs.



 


Das Tao
weint nicht zu ihren Füßen
wenn sie leiden.
Das Tao
ergreift nicht ihre Seite,
und vernichtet nicht ihre Feinde.
Das Tao
ist kein Freund,
der sie schützt und tröstet.
Das Tao
hat kein Gesicht.

Wenn Stürme um uns wüten,
sind wir dem Karma ausgeliefert.
Auch der Buddha wird vom Regen durchnässt.

Die Unwissenden sehnen sich nach einem Ort
wo Karma seine Macht verloren hat,
und wo ihre Gebete
sie befreien können
von den Folgen ihrer Taten.

Die Person in Harmonie mit dem Tao
hebt ihr Gesicht dem Regen entgegen,
zittert in der Kälte
und schwitzt wenn es heiß ist.

90

In diesem endlosen und gnadenlosen
Kreis des Leidens
herrscht
das Gesetz der Kausalität
allein
und unerbittlich
über alles.
Karma
überschattet alles,
und blockiert
das Sonnenlicht,
doch sein Schatten fällt nicht
auf die Person,
die in Harmonie mit dem Tao wandert.



 


91

Die Eiche schlummert in der Eichel.
Der Vogel wartet im Ei.
Realitäten fermentieren in Träumen.
Jedes Ding und Nicht-Ding,
existent oder nicht-existent,
liegt regungslos
im Tao.
Doch das Tao hat mit allem
nichts zu tun.

92
Verzweifelte und unwissende Leute
suchen Frieden
auf kontinuierlichen Wellen von unstethaften Emotionen
oder im Besitztum.
Die Person in Harmonie mit dem Tao
weiß
Frieden ist weder ein Zustand,
noch ein Besitztum
noch eine Emotion.
Frieden ist
Leere
und
Stille.

93

Die Weisen sind vorsichtig mit Worten,
die eher korrumpieren als heilen.
Sie wissen,
Gesprächigkeit
ist die Fressgier des Ego,
das Symptom der Unwissenheit.

Der Weise wird dir erzählen,
dass wie Staub auf einem Spiegel,
Worte von der Realität ablenken
und die Realität verfälschen.
In den Händen der Übelwollenden
führen Worte der Weisheit
zur Bosheit.

Der Tao-Weise,

 


still wie er ist,
fürchtet Worte nicht,
denn er weiß,
der Geist
darf die Realität wiederspiegeln,
aber er ist nicht ein Ding,
das von Staub beschmutzt werden kann.

Das wahre Selbst
ist rein und absolut
wie das Tao.
Es ist im Tao,
und das Tao ist in ihm.

94

Nur die Stille
kann
das Unerklärliche
erklären.

Wer kann das Undenkbare denken?
Nur der Weise
in totaler Harmonie mit dem Tao.
Doch sein Denken
ist ein Akt des vollkommenen Glaubens
jenseits der Konzepte.

95

Wie bringt man Leute in Harmonie mit dem Tao?
Du kannst nur auf das Unsichtbare zeigen.
Es ist als ob man Gebärdesprache im Dunkeln benutzt. 
Das Mysterium ist, dass es funktioniert.

96

Ich sehe meine Reflektion
in
jedem Staubpartikel.
Sogar der Berg hat mein Gesicht.
Der Vogel plustert meine Federn auf
und die Spinne spinnt mein Spinnennetz.
Wer kann die Einsamkeit eines Papageis im Käfig fühlen?
Wer kan die langsame Triebkraft einer Schnecke spüren?

 


Allein der wahre Weise in vollkommener Harmonie mit dem Tao.
. 
97

Wenn ich dich schlage,
wird dein Blut bestimmt aus meinen Adern fließen.
Wenn du vor Hunger stirbst,
wird dein geschwollener Bauch mein Fleisch verzehren.
Das Lachen in deinen Augen
erleuchtet meine.
Ich kann mein Gesicht in deinem sehen.
Kannst du deins in meinem erblicken?

98

Die Gierigen
sehen alle Wesen
als Objekte,
die für Gewinn
exploitiert werden müssen.
Der Tao-Weise
sieht nur vergängliche Wesen
voller Leere.

Der Mann von Gier getrieben
trägt eine Axt in seinem Herzen,
und er sieht in dem Wald
Objekte,
die für Profit
vernichtet werden sollen.
Der Tao-Weise,
voller Leere,
sieht den Wald
als einen unberührbaren Tempel
von Freunden bewohnt.

Begierde
blendet Leute
für die Schönheit der Leere,
die allem innewohnt.
Nur in vollkommener Losgelösheit
wird das Wunder des Tao sichtbar.

99


 


Sollte der Sieger sich freuen über den Sieg
während der Besiegte Erniedrigung erleidet?
Nein, denn das Tao
sorgt sich weder um Sieg noch Niederlage.
Der Tao-Weise kann sich nicht freuen
über Ehre,
die Schmerz verursacht.

 100

Sollten die Reichen ihren Luxus auskosten
auf Kosten der Armut?
Nein, denn das Tao
schert sich nicht um das Unwesentliche.
Der Tao-Weise kann nicht genießen
was auf Trauer beruht.

101

Ist das Leben,
das Leiden verursacht,
lebenswert?
Ja, denn das Leiden ist unvermeidlich.
Der Tao Weise lebt ein Leben,
das spontan das Leiden
minimiert

102

Was für einen Sinn hat die Ehre,
die Erniedrigung bewirkt?
Der Tao Weise haftet nicht
an der Ehre,
denn er ist voller Unschuld.

103

Ist die Wahrheit wirklich Wahrheit
wenn sie auf Täuschung beruht?
Nein, denn das Tao
haftet nicht an der Wahrheit,
denn an der Wahrheit festzuhalten,
ist sie zu verraten.



 


104

Leute in Harmonie mit dem Tao
ziehen es vor,
eher Verräter zu sein,
als Helden,
die Leben vernichten
um die Früchte der Gier
zu schützen.


105

Der Tao-Weise traut nicht
der Weisheit der Massen.
Er glaubt an
die Weisheit der Stille.

106

Leute in Harmonie mit dem Tao
gehorchen der Obrigkeit
nur
soweit ihr wahres Selbst
es erlaubt.
Der Tao-Weise
wird nicht einen Augenblick zögern,
den Preis für sein Schweigen zu zahlen.

107

Sollte die Unwissenheit vom Glauben getragen werden?
Nein, denn der Glaube beruht auf Weisheit
jenseits der Worte und Konzepte.
Der Tao-Weise hat
 jenen Glauben,
der Unwissenheit auslöscht.

108

In der Welt der Vernunft
ist ein Ja ein Ja,
und ein Nein ein Nein.
Der Tao-Weise
sieht

 


Ja und Nein
als identisch.

109

Kenntnis,
die auf Unwissenheit beruht,
reduziert die Angst
nur um sie zehnfach zu vermehren.
Nur wenn man in der Leere weilt
wird Angst wahrhaft gebannt werden.
Der Tao Weise
lebt
ohne Angst,
wie ein unschuldiges Kind unbewusst von der Welt,
und er trägt mit sich seine Kenntnis,
als ob es sie nicht gibt.
Sein Glaube ist vollkommen.

110

Die vergleichende Perzeption der Schönheit
ist im Wesen grausam.
Der Tao Weise differenziert nicht
zwischen dem Schönen und dem Hässlichen.
Schönheit ist ur schön
wenn sie aus
der Leere
kommt.

111

Das Schöpferische,
das auf dem Leid anderer
beruht,
ist destruktiv.
Wahre Kreativität
steigt aus
der Leere.

112

Der wahrhaft Weise
ist sich
Größe und Unwichtigkeit

 


unbewusst.
Er behandelt
Ehrenträger und Steine
mit gleichem Respekt.

113

Auch bei dem Versuch,
das Ego loszuwerden,
wächst das Ego schon.
Der Weise in Harmonie mit dem Tao
ignoriert das Ego
während die Nächstenliebe ihn
in das ewige Fließen des Tao eintaucht.

114

Sogar der Mensch in Harmonie mit dem Tao
findet es schwierig,
nicht an
Nützlichkeit und Akzeptanz
zu haften.
Jedoch
wird er ohne zu zögern,
seinen eifersüchtigen Rivalen erlauben,
in sein Gebiet einzudringen
während er
in die Leere und Unwichtigkeit
verschwindet.

115

Der Weise haftet
nicht einmal an der Güte,
denn er weiß,
das Haften an der Güte
ist der Beweis ihres Verlusts.
Der Weise in Harmonie mit dem Tao
haftet nicht an seiner Güte,
denn er ist sich seiner Güte unbewusst.

116

Wenn Leute dem Tao nahe sind,
wird Gnade höher geschätzt als Edelsteine,

 


und die Erfolglosen
sitzen am gleichen Tisch
wie die Erfolgreichen.

117

Leute in Harmonie mit dem Tao
essen wenn sie hungrig sind,
und ruhen wenn sie müde sind.
Sie bauen Häuser als Unterkunft
und nicht um anzugeben.
Sie tragen Kleidung als Schutz
und nicht als eine Fassade.
Sie arbeiten um zu leben,
und nicht um ihre Überlegenheit zu zeigen.
Sie benötigen keine Einheit oder Uneinigkeit.
Sie sprechen um zu kommunizieren
und nicht um zu beherrschen.
Sie lieben die Stille.
Sie wissen nicht
wer ihre Anführer sind,
denn ihre Anführer
sind wahre Anführer.
Sie gehorchen keinem Gesetz,
doch brechen sie keins,
denn ihre Gesetze
 beruhen auf Nächstenliebe.
Sie schlafen wie unschuldige Kinder,
mit offenen Fenstern
und unverschlossenen Türen.

118

Nach dem Fluch
und vor seiner Reaktion
hat die Wut sich
in Leere
aufgelöst.
Der Weise in Harmonie mit dem Tao
lässt nicht äußerliche Unmut
seine Stille stören.

119

Leiden

 


ist nicht die Mutter
aller Schönheit und Wahrheit,
sondern das Kind der Unwissenheit.
Jedoch für den Weisen des Tao
kann sogar
Wahrheit und Schönheit
aus dem Leiden.
entstehen.

120

Trennung
ist
Fiktion
erfunden
von unserer Intelligenz.
Eins zu sein
liegt noch
innerhalb des Bereiches unserer Gedanken.
Einheit
ist jenseits
des Zugriffs unseres Intellekts
gerade weil sie keine Fiktion ist.
Jedoch
unser wahres Selbst
war noch immer
in vollkommener Einheit
mit dem gesamten Universum.

121

Unwissende
sind
von ihrem Denken
festgefangen.
Die Feststellung dieser Tatsache
ist der Schlüssel
zur Erleuchtung.

122

Jene, die sich verzweifelt nach Frieden sehnen,
vertreiben alle Gedanken aus ihrem Gehirn,
und verschließen sich hinter eisernen Toren,
aus denen es kein Entkommen gibt.

 


Der Weise des Tao hat Frieden
und bleibt nicht an Gedanken haften,
die kommen und gehen dürfen,
wie sie wollen.
Weil sein Tor weit offen ist,
kann er
in völliger Freiheit
wandern
wohin das Tao ihn führt.

123
Die Stille ist nicht die Abwesenheit von Gedanken und Emotionen,
sondern die Freiheit von Haftung.

124

Sogar nachdem er in die Leere eingegangen ist,
füllt das Aroma der Pfirsichblüten 
die Luft
wie Weihrauch.

125

Sogar nachdem seine Illusionen
sich in die Leere
verflüchtigt haben,
verweilt
das Bild ihres Gesichts,
bleich wie eine Lilie im Schatten

126

Sogar nachdem er still geworden ist,
wiederhallt
das Lied des Windes,
der sich durch den Wald bewegt,
leise in seinem Ohr.

127

Als Ruhe zurückkehrte,
schlichen ihre Gedanken hinein,
wie schreckhafte Gäste,
eingeschüchtert,
bereit sofort

 


beim ersten Zeichen der Ablehnung
zu gehen.

Wie Eindringlinge,
die das Licht fürchteten,
zogen ihre negativen Emotionen sich zurück,
sich schämend,
als sie sie beim Namen nannte.

Endlich,
als alle unwillkommenen Gäste fort waren,
war sie
völlig ruhig,
umgeben von
Leere
und
Stille.

128

Der Weise
ändert hässliche Gedanken.
Der Mensch, der Erleuchtung erstrebt,
umarmt
gute Gedanken.
Der Mensch in völliger Harmonie mit dem Tao
 haftet nicht
einmal an guten Gedanken.

129

Um zu begehren ist um Besitz zu ergreifen.
Um zu streben ist um zu erzielen.
Der Weise des Tao
begehrt nicht
und strebt nicht,
doch er lässt nichts ungetan.

130

Bei den Ehrgeizigen
kommen
Freude und Ernüchterung
in schmerzhafter Abfolge.
Der Weise des Tao

 


kennt keine Ernüchterung,
denn er kennt keinen Ehrgeiz
und hat keine Illusionen.
Er lebt
wie ein mit Hoffnung Erfüllter.
Seine Freude fließt aus
der Leere.

131

Wenn dein Blick auf Form fixiert ist, verschwindet die Essenz.
Wenn du auf die Leere schaust, verschwindet Form.
Der Tor verwechselt Form und Essenz.
Der Weise kennt den Unterschied.
Der Weise des Tao
sieht
Form und Essenz als
identisch.

132

Form und Leere sind verbunden und abhängig,
doch identisch.
Stille und Klang sind verschieden,
doch gleich.
Subjekt und Objekt bestehen,
doch existieren sie nicht.
Jedes Ding ist in allen Dingen,
alle Dinge sind in jedem Ding.
Wir sind uns nie begegnet,
doch kennen wir uns
seit vor dem Anfang der Zeit.
Dies zu wissen bringt Ruhe.
Dieses große Mysterium zu begreifen
ist wahre Erleuchtung.

133

Unwissende aber aufrichtige Menschen
versuchen umsonst
ihre Egos zu reduzieren,
jedoch ihre Egos werden nur größer.
Der Weise
lässt sein Ego unbeachtet,
und dient selbstlos,

 


damit sein Selbst,
von Gedanken abgeschnitten,
verschwindet.
Der Weise in Harmonie mit dem Tao
hat kein Ego,
denn er ist
in die Leere
eingegangen,
und lebt
in Nächstenliebe.

134

Edle Ehrgeizige
verherrlichen
Visionen und Ideale
in ihren Herzen.
Der Weise
misstraut Visionen
und weiß
sogar die edelsten Ideale
können korrumpiert werden.
Der Mensch in Harmonie mit dem Tao
traut nur
der Leere
und
der Stille.

135

Der Weise
beherrscht das Selbst
um stark zu sein.
Der Mensch eins mit Tao
lässt das Selbst unbeachtet
und zieht es vor,
schwach zu sein.

136

Der Sieg gehört
den Gierigen.
Der Weise des Tao
zieht
die Niederlage

 


vor.

137

Der Weise hat gute Gedanken
um über sich selbst
zu herrschen.
Der Weise des Tao
lässt Gedanken unbeachtet
um die Herrschaft
über niemanden
zu haben.

138

Siege durch gute Gedanken erzielt
halten heilige Männer nervös,
verängstigt, dass der Fehler eines Augenblicks
sie in die Schmerzen der Arroganz
und der Niedergeschlagenheit
zurückwerfen könnte.
Der Weise des Tao schläft fest,
denn er weilt in der Leere
wo es nichts zu gewinnen oder zu verlieren gibt.

139

Menschen, die die Heiligkeit erstreben,
benutzen Worte
um Bilder ihrer Götter
zu schöpfen,
und verwechseln
ihren Glauben
mit
ihrem Stolz
auf ihre eigenen Erfindungen.
Der Weise des Tao
vermeidet
Worte
und
traut der Stille,
denn er weiß,
das Tao ist jenseits des Bereiches der Konzepte.

140

 


Männer der Religion
behaupten oft,
sie sind die Träger
der einzigen Wahrheit,
und schaffen somit
Macht für sich selbst.
Der Mensch des Tao
lässt Macht in Ruhe,
denn er weiß,
die Wahrheit hat keinen Namen.


141

Die Unwissenden benötigen Regeln und Ziele.
Die Weltlichen brauchen Besitztümer und Genuss.
Die Religiösen benötigen Dogmen und Macht.
Der Weise des Tao
isst wenn er hungrig ist
und schläft wenn er müde ist.

142

Eine verstörte Welt sieht
das Heil als Einfluss.
Doch
das Heil
ist
eine verborgene Eigenschaft,
und
Einfluss
ist
der Weg zur Hölle.

143

Der Weise bleibt ruhig um Macht zu gewinnen
Der Weise des Tao ist ruhig
    weil
er nichts mit Macht zu tun haben will.

144

Der Mensch, der das Heil erstrebt,
gibt den Armen Nahrung

 


um seine eigene Seele zu retten.
Der Weise des Tao
gibt den Armen Nahrung
weil er nicht will,
dass sie Hunger leiden.

145

Der Weise des Tao
ist ein aufrichtiger Lehrer,
denn er ist seinem wahren Selbst nie untreu.

Ihm kann völlig vertraut werden,
denn er liebt nicht und hasst nicht.
Er scheint distanziert und ohne Mitleid,
doch seine Stille
deutet das Tao an.

146

Wenn du näher schaust,
wirst du kein Ding finden.
Das Bestehen ist eine Illusion;
die Leere ist Wirklichkeit.
Doch das Bestehen und die Leere
sind
identisch.

147

In die Leere zu fliehen
um der Wirklichkeit zu entkommen
ist nicht anderes als
dich von deinem wahren Selbst zu entfernen.
Dich in der Wirklichkeit zu verlieren
um der Leere zu entfliehen
ist nicht anderes als
Illusionen zum Opfer zu fallen.
Wie ein ertrinkender Mann,
der sich verzweifelt an einen imaginären Ast klammert,
wirst du bestimmt
in der Flut ertrinken.

148


 


Es gibt keine Einheit
in der Welt der Differenzierung.
Einheit liegt
wo sie nicht benötigt wird.

149

Dich von der Weisheit zu entfernen ist weise;
Weisheit abzulehnen, jedoch töricht.

150

Die Gläubigen haben Macht,
aber sie benutzen sie nie.
Nur die Schwachen benutzen Macht.
Die Sanften sind gesegnet,
denn sie leben in Harmonie mit dem Tao.

151

Zu verlieren weil du nicht gewinnen kannst
ist Niederlage.
Zu verlieren weil du nicht gewinnen willst
ist Sieg.
Doch der wahre Weise
würde den Unterschied nicht kennen,
denn er konkurriert nicht.

152

Der Weise
erträgt Hohn
mit Grazie,
denn er weiß
der Spötter
ist sein bester Lehrmeister.
Der Mensch in Harmonie mit dem Tao
reagiert auf Gespött
nicht mit Anmut,
sondern mit jener Missachtung,
welche die Nächstenliebe würdigt.
 
153

Sogar mitten in

 


den hektischen Menschenmassen
streichelte der sanfte Wind ihr Gesicht.
Sogar wenn die Gier
alle Emotionen beherrscht,
bleibt sie sanftmütig und milde.
Sogar in schmutzigem Smog
erblickt sie das Licht des Sonnenuntergangs.
Sogar wenn Gewalt
im Gehirn der Menschen wütet,
tritt sie
mit großer Umsicht
über
Ameisen,
die ihren Weg kreuzen.

154

Auf seinem Sterbebett,
seine Familie trauernd um ihn,
ist er ruhig,
denn er weiß,
der Tod,
wie
das Leben,
ist eine Illusion;
es gibt keinen Anfang und kein Ende.

Es gibt nur das endlose Fließen des Tao.

Der Mensch des Tao hat keine Angst,
denn er wandelt mit Tao.

155

Das Tao ist ohne Mitleid,
doch alle Liebe kommt aus dem Tao.

156

Warum fühle ich mich allein
wenn sie jubeln?
Warum kann ich nicht weinen
wenn sie weinen?
Warum berührt der Rhythmus
ihrer Musik mich nicht?

 


Warum sehe ich allein
die Finsternis in ihrem Licht?
Warum verzweifele nur ich wenn
sie mit Triumph erfüllt sind?
Warum schmeckt dieses Essen
wie Tränen?

157

Wenn der Weise des Tao
die Macht hat
von einem der in Harmonie mit dem Tao ist,
warum meidet er Gesellschaft?
Hat er nicht gelernt mit Menschen umzugehen?

158

Wenn der Weise des Tao
dem Tao so nahe ist,
dass er unberührt von der Gefahr ist,
warum bewegt er sich unter Menschen
als ob er einen gefährlichen Fluss überquert?

159

Wenn der Weise des Tao
alle Antworten weiß,
warum beantwortet er keine Fragen,
und warum schweigt er?

160

Wenn der Weise des Tao
so effektiv ist
dass er alle Ziele erreicht
ohne zielstrebig zu sein,
warum ist er mit so wenig zufrieden?

161

Wenn der Weise des Tao
so wichtig ist
in der Welt des Geistes,
warum scheint er so unwichtig
in der Gegenwart der Prominenz der Welt?

 


163

Wenn der Weise des Tao
emotionsfrei ist,
und sich selbst beherrscht,
warum schweigt er wenn er sprechen soll,
und warum spricht er wenn er schweigen soll?

164

Wenn der Weise des Tao
geistig so hoch entwickelt ist,
warum zieht er
die Gesellschaft der Niedrigen vor?

165

Wenn der Weise des Tao
die Welt so gut kennt,
warum scheint er so verloren zu sein
in der Gesellschaft der Kultivierten und der Schicken?

166

Wenn der Weise des Tao
mit Weisheit und Tao erfüllt ist,
warum geht er unbemerkt
durch die Welt?

167

Wenn der Weise des Tao
eins ist mit dem Universum,
warum bewegt er sich in der Welt
wie ein fremder Gast?

168

Wenn der Weise des Tao
so weise ist,
warum scheint er so dumm zu sein
in der Gesellschaft jener,
die für ihre Klugheit gefeiert werden?

169

 


Wenn der Weise des Tao
erleuchtet ist,
warum bewegt er sich im Licht
wie in der Dunkelheit?

170

Wenn der Weise des Tao
weise und ruhig ist,
warum scheint er so voller Zweifel zu sein?

171

Wenn der Weise des Tao
in der Leere und Stille weilt,
warum verwest sein Fleisch
wie deins und meins?

.172

Wenn der Weise des Tao
mit Nächstenliebe erfüllt ist,
warum ist er in die Wüste verschwunden
um nie wieder gesehen zu werden?

173

Der Weise in Harmonie mit dem Tao
ist unsichtbar
in einer Welt der Gier,
und er ist total unwichtig für jene,
die hungrig auf Macht sind.

Der Ehrgeizige
kann nicht anders, als auf
den bescheidenen Mann nahe am Tao
herabzublicken,
denn seine Ziellosigkeit
ist töricht
für jene,
die einer Agenda nacheifern.

 Der Weise des Tao
kümmert sich nicht um Macht
und beklagt sich nicht,

 


wenn er den Preis
für seine Leerheit
zu zahlen hat.

174

Ich sehne mich nach dem Tao
wie ein hungriger Säugling
nach der Brust seiner Mutter.
Doch jetzt, da ich entwöhnt bin,
und die Klugheit herrscht,
und mein Verstand
von allem
isoliert ist,
bin ich wie
ein vereinsamter Papagei
in einem engen Käfig festgefangen,
der die Klänge meines Wärters
nachahmt,
anstatt
nach meinem Liebhaber
zu rufen.

175

Nach dem Ende
und vor dem Anfang,
suchten wir über die stillen Wüsten.
Von Horizont zu Horizont
sahen wir nur
Leere,
und wir begriffen,
wir waren immer gewesen,
wir hatten nie existiert.

176

Wenn sie ein Produkt der Überlebung ist,
warum ergötzt sie sich nicht über den Sieg,
sondern weint mit dem Verlierer?
 Ach, mein Freund, verstehst du nicht?
Was du Überlebung nennst,
ist Grausamkeit.
Ihr Reich gehört dem Geist,
wo Überlebung Niederlage ist.
Sie erscheint nur einmal in tausend Jahren,
aber jeder trinkt
aus ihrem bodenlosen Brunnen.


177

Auch im Schlummer
suchte ich ihr Gesicht,
wie besessen,
und als es mir klar wurde,
ich würde es nie schaffen,
und ich hörte auf zu suchen,
da erschien sie,
nicht in Glorie,
sondern ohne Spur,
und ich sah mein Selbst in ihrem Gesicht.

178

Das Tao is unerreichbar,
doch es ist bescheiden
und näher an dir
als dein Geist.

179

Auch wenn sie
gefoltert, aufgerissen und entmenschlicht wird,
und sie ihre eigene Verwesung
riechen kann,
bleibt
ihr wahres Selbst
unbefleckt, rein und unschuldig
wie das Tao.
Auch wenn sie Karma nicht entfliehen kann,
den unerbittlichen Gesetzen der Kausalität,
betritt
das Leiden nicht
ihr Paradies der Stille und Leere,
wo
Lilien
aus
dem Humus der Verwesung
wachsen.

180

Wenn das Tao Stille ist,
warum füllen
Worte der Weisheit
den Geist
jener,
die im Tao weilen?

181


Wenn das Tao Leere ist,
warum sind jene,
die im Tao weilen,
so mit der Freude des Lebens erfüllt?

182

Wenn das Tao sich nicht um uns kümmert,
warum sind die Wesen,
die sich in Harmonie mit dem Tao bewegen,
so gesegnet?

183

Wenn das Tao keinen unterstützt,
warum hat der Weise des Tao
den Mut eines Tigers?

184

Wenn das Tao ohne Mitleid ist,
warum sind Menschen
in Harmonie mit Tao
voller Nächstenliebe?

185

Wenn das Tao geheimnisvoll ist,
warum sehen Menschen
nahe am Tao
so klar?

186

Wenn das Tao unerreichbar ist,
warum fühle ich seinen Atem auf meinem Gesicht?

187

Seh dich um und staune!
Die Welt ist überflutet mit unendlichem Tao!
Jedes Ding kommt von Tao
und kehrt zum Tao zurück.
Das Tao ist weder grausam, noch gutmütig.
Es ist weder vage, noch klar.
Seh seine Schönheit in dem Sonnenuntergang.
Es tanzt mit dem Wind
und lacht mit den Wolken.
Seine Stille wiederhallt über Täler.
Es ist kein Ding, nirgendwo,
jedoch überall und alle Dinge.
Es existiert nicht
und doch gab es es noch immer.
Es kennt dich nicht,
doch berührt es dich jeden Tag.

Es ist Tao,
geheimnisvoll und schön.

188

In der Leere
ist es klar:
Das Tao ist Tao.

Woher weiß ich das?
Die Stille hat mir es verraten.


© Jos Slabbert 2000
Postal Address: P.O. Box 4037, Vineta, Namibia
Fax No.: 09264 64 46 1014 E-Mail: jos_slabbert@hotmail.com

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