Der moderne taoistische Weise

von Jos Slabbert
übersetzt von Susi Yin

1. Eine Harmonie der Paradoxa

Ein weiser Mensch kann selbst sein
wertvoller als Ruhm,
und so bleibt er verborgen.

Der taoistische Weise besteht aus Paradoxa, die die meisten Menschen verletzen würden, doch ihn scheinen sie gar nicht zu stören.

Der Weise

Diese Paradoxa befinden sich im Weisen in Harmonie miteinander, in derselben Weise, in der die Natur eine harmonische Mischung aus Paradoxa ist. Daher ist es schwierig, den Weisen mittels herkömmlicher Begriffe und Kategorien zu beschreiben. Eigentlich werden in den meisten Gesellschaften die Eigenschaften des Weisen als negativ, ja sogar als schädlich betrachtet.

2. Enge Harmonie mit der Natur

Alle Dinge enden im Tao,
so wie die Flüsse ins Meer fließen.

Der taoistische Weise lebt in enger Harmonie mit dem natürlichen Rhythmus und Fluss des Lebens. Sein Nahverhältnis zur Natur ist organisch und spirituell. Es ist undogmatisch und vital. Sogar mitten in der Stadt bleibt er nahe bei sich, seinem Instinkt und der Natur, die in ihm ruht. Seine angeborene Güte führt ihn, so dass er nie Teil des Krabbelns einer nichtwissenden Gesellschaft wird, nie Teil dieses Strebens nach einem imaginären Gipfel.

In der Natur fühlt er sich zu Hause – in tiefen Wäldern oder nebligen Bergen – weg vom Künstlichen und Erfundenen. Wenn er sich in einer künstlichen Umgebung befindet, bleibt der Weise seinen natürlichen Impulsen treu. Wenngleich er sich in einem Umfeld von Neid und Gier nicht zu Hause fühlt, bleibt er zwar nicht unberührt, doch ohne Reste der zerstörenden, negativen Gefühle rund um ihn.

3. Die Reise des Lichts

Der Weise gibt sich selbst auf
an das, was der Moment bringt.
Er weiss, dass er sterben wird,
und es gibt nichts,
woran er sich anhalten kann.

Der taoistische Weise lebt ein sorgenfreies Leben in Harmonie mit seiner natürlichen Umgebung, und dies bedarf keiner Anstrengung. Er weiß, dass das Glück nicht gekauft, gewonnen oder vervollkommnet werden kann, weil es kein Preis, keine Ware, kein Ziel und keine Position ist. Tatsächlich ist sogar das Erreichen von Glück ein Ziel, das der Weise nicht anvisiert. Er weiß, dass der Gedanke ans Essen nicht die Freude am Essen ersetzen kann. Anstatt zuviel zu denken und zuviel zu sprechen lebt er zufrieden auf eine Art, die die meisten anspruchsvollen Menschen als einfachen, naiven Weg betrachten würden.

Der Weise lebt ein unauffälliges und bescheidenes Leben, verglichen mit dem Niveau einer Welt, die auf Gewinn und Eitelkeit ausgerichtet ist. Er lebt mit geringen Ansprüchen und fast keiner Erwartungshaltung. Wenn ihm Reichtum zufällt, wird er ihn akzeptieren, ohne sich jedoch daran zu klammern. Wenn es notwendig oder unvermeidbar wäre, würde er seinen materiellen Besitz ohne Wehklagen aufgeben.

Er genießt jeden schönen Moment, den das Leben ihm bietet und leidet mit Anstand, wenn seine unvermeidbare Zeit zu leiden gekommen ist.

4. Gleichmut

Wenn es kein Verlangen gibt,
ist alles im Frieden.

Ruhe im Sieg, Ruhe in der Niederlage. Gelassenheit, wenn er mit der Unvermeidbarkeit des Leidens konfrontiert wird. Der Weise verlässt sich nicht auf Äußerlichkeiten, wenn es um spirituelle Stärke geht, denn er weiß: Die Abhängigkeit von äußeren Faktoren wie Status, Reichtum, Popularität, Hedonismus, Erfolg, Wissen und Beziehungen ist der Grund, weshalb der moderne Mensch so leicht angesichts von Niederlagen, Fehlern oder Verlust zusammenfällt.

Der Weise steht gleichgültig zur Erfolg oder Niederlage. Er versteht, dass das Leben im Sinne egozentrischer Bestrebungen nie Sinn machen wird, ungeachtet dessen, wie erfolgreich Sie sind, oder mit wievielen schönen Äußerlichkeiten Sie es ausschmücken.

Das Leben selbst erlangt Bedeutung, wenn Sie Ihren spirituellen Ansprüchen in totaler Harmonie mit dem Tao gerecht.

5. Der friedliche Krieger

Es gibt keine größere Illusion als die Angst,
keinen größeren Fehler, als sich auf die Selbstverteidigung vorzubereiten,
kein größeres Unglück, als einen Feid zu haben.

Wer durch jede Angst blicken kann,
wird immer sicher sein.

Der Weise ist ein Mensch des Friedens. Und doch birgt er in sich die wunderbaren Eigenschaften eines Kriegers.

Er verabscheut Waffen. Er hasst Kriegsführung. Der große Krieger ist für ihn jener, der Konflikt vermieden hat und nie hat Gewalt anwenden müssen. Als ein Krieger hat er die Kunst gelernt, seinen Gegner ohne Demütigung zu unterwerfen.

Er hat den Mut von jemandem, der sich überwunden hat. Er hält weder am Leben nicht fest, noch er wird durch seine eigenen Leidenschaften getrieben. Der Tod schüchtert ihn nicht ein. Er ist imstande, sich den unmöglichsten Hindernissen zu stellen und den schlimmsten Gegnern würdig und mutig zu begegnen.

Er ist kein Pazifist. Wenn er keine andere Möglichkeit sieht, wird er geschickt und leidenschaftslos kämpfen. Doch er wird sich nicht am Sieg erfreuen, denn er betrachtet Siegerparaden als blutrünstigen Jubel nichtwissender Metzger. Ebensowenig fürchtet er die Niederlage: sie ist kein Stachel der Demütigung für jemanden, der nur ein sehr kleines Ego hat, das verletzt werden kann.

6. Der unsichtbare Baum

Haben Sie die Geduld zu warten,
bis sich der Schlamm legt und das Wasser sich klärt?
Können Sie ruhig verharren,
bis die richtige Tat von selbst entsteht?

Der Weise glaubt nicht, dass die Tat den Menschen ausmacht. Er ist nicht auf die Fehldeutung reingefallen, dass es die Frucht ist, die den Baum gut macht. Er weiß, dass die Frucht gut ist, weil der Baum gut ist. Der Weise erkennt, dass man zuerst bei sich selbst beginnen muss. Das was Sie sind, verwandelt die Tat zu etwas gutem. Deshalb wird er nicht ein "Mann der Tat" werden, in einem sinnlosen Bestreben, seine Tugenden unter Beweis zu stellen. Der Weise ist sich darüber im Klaren, dass sich bewegte Tugend leicht in Eitelkeit und sogar Grausamkeit verwandelt und auf diese Weise ihren eigenen Zweck ad absurdum führt. Eher ist er jemand ohne Einfluss und vermeidet egozentrische Aktionen. Er horcht auf diese spontanen, natürlichen Impulse, die aus dem unverfälschten Mitgefühl entspringen.

Daher hängt der Weise die Wohltätigkeit nicht an die große Glocke. Sie werden ihn nie in blitzende Kameras lächeln sehen, während er einer karitativen Organisation eine Schenkung überreicht. Der Weise versteht, dass jede Form öffentlicher Anerkennung oder öffentlichen Beifalls jegliche positive spirituelle Auswirkung mindern könnte, die eine "gute Tat" auf alle Beteiligten haben könnte. Eigentlich könnte sie korrumpieren und die Tugend in Eitelkeit verwandeln. Sie könnte leicht verwendet werden, um Korruption und Gier mit einer Schicht der Anerkennung zu überziehen. Wir wurden alle Zeugen der Charity-Shows als Öffentlichkeitsarbeit. Wir haben alle gesehen, wie Organisationen, die für ihre gnadenlose Ausbeutung des Menschen und der Natur bekannt sind, ihre wohltätigen Geschenke gerade rechtzeitig zur Schau stellen, um ihren Umsatz zu festlichen Zeiten zu erhöhen. Wir wurden mit ekelerregender Gleichmässigkeit mit der krankmachenden öffentlichen Plakatierung der Wohltätigkeit von Politikern konfrontiert, die knapp vor den Wahlen auf Stimmenfang gehen. Der Weise vermeidet jene Form von Nächstenliebe, die der Macht und dem Profit dient und im Scheinwerferlicht erblüht.

Nichtsdestotrotz wird der Weise in die Öffentlichkeit treten, doch er wird das mit dem Verstand jemandes tun, der einen eingefronenen Fluss im Winter überquert, welcher von einer dünnen Eisfläche bedeckt ist. Er wird sich dessen bewusst sein, dass Öffentlichkeit den spirituellen Nutzen für alle Beteiligten mindert.

Der Weise heißt die anonyme Schenkung gut, da er weiß, dass diese anregt und die Zivilisation weiterbringt. Die versteckte barmherzige Tat ist von reinem Mitgefühl geprägt; sie ist der lebende Beweis für den Sieg des Geistes über das Ego. Das ist die Essenz einer erleuchteten Gesellschaft.

7. Der Außenseiter

Gewöhnliche Menschen verabscheuen die Einsamkeit.
Aber der Weise nützt sie,
er umarmt sie in dem Wissen,
dass er eins ist mit dem Kosmos.

Der Weise ist ein Einzelgänger. Er vermeidet nicht notwendigen Kontakt mit Menschen. Er fühlt sich im Small-Talk nicht zu Hause, und er hasst Tratsch. Er vermeidet es, zuviel zu reden. Die meisten Menschen empfinden seine Gegenwart vermutlich als langweilig. Das macht ihm nichts aus, da er seiner eigenen Beliebtheit neutral gegenüber steht.

Der Weise ist zeitlos. Er lebt außerhalb der kollektiven Paradigma und Ideologien, die die Gesellschaft zu jeder beliebigen Zeit kontrollieren und manipulieren. Selbst gegenüber den subtilsten Formen von Indoktrinierung und Manipulation scheint er immun.

Er bewegt sich innerhalb der Gesellschaft, ohne in sie einzutauchen. Er steht abseits von Modeerscheinungen. Er bestätigt nicht gesellschaftlich akzeptierte Vorurteile. Er weigert sich, am anspruchsvollen verbalen Zur-Schau-Stellen des neuesten intellektuellen Trends teilzunehmen.

Historische Verschiebungen von Paradigmen verwirren ihn nicht. Er weiß, dass alles Veränderung ist, und sich dennoch nichts verändert. Seine Perspektive ist ewig, weitläufiger als jegliche wissenschaftliche Dimension. Daher bleibt der Weise in Zeiten des Umbruchs ruhig. Selbst wenn die Menschheit ihren Glauben verliert, in was auch immer sie Glauben gesteckt hat, bleibt der Weise ungerührt. Er steckt seinen Glauben nicht in vom Menschen entworfene Konzepte und kann somit auch keinen Glauben verlieren.

Der Weise lebt außerhalb der diktatorischen Reichweite der "Gruppenmeinung", unberührt vom unbeseelten Zeitgeist seiner Epoche, insofern hat er wenig Anteil an der Kollektivschuld der heutigen Gesellschaft. Doch er wird versuchen, am Rande der menschlichen Torheit so unauffällig wie möglich zu leben. Nur wenn er keine andere Wahl hat, wird er sich aktiv gegen die anstehenden Täuschungen eintreten. Er wird darin mutig sein und jegliche daraus erwachsende Verfolgung mit stiller Würde ertragen.

8. Der outlaw

Wirf Heiligkeit und Weisheit weg,
und die Menschen werden hundertmal glücklicher sein.
Wirf Moral und Gerechtigkeit weg,
und die Menschen werden richtig handeln.

Der Weise macht sich keine Sorgen wegen Regeln oder Gesetzen. Er handelt im scheinbaren Vergessen von Ethik und Moral. Er überlegt nicht vorher, ob etwas für die Gesellschaft akzeptabel ist, bevor er handelt. Er lebt spontan. Er folgt einfach seinem natürlichen Drang, der doch so tugendhaft ist, so in Harmonie mit dem Tao, dass er ein Leben höchster Moral und ethischer Ordnung führt. Doch er tut dies unbewusst und ohne die Spur eines Plans.

Natürlich wird er unvermeidlich Regeln oder Gesetze übertreten, wo sie zwischen ihm und dem Mitgefühl stehen. Je ungerechter die Gesellschaft ist, in der er lebt, desto mehr wird er mit diesen Gesetzen in Konflikt kommen, die die allgemeinen Gefühle des Anstands verletzen. Der Weise könnte somit unfreiwillig "politisch" werden, doch er würde das widerwillig und mit Zurückhaltung tun, immer auf der Suche nach einer einvernehmlichen Lösung. Gerade wegen seines offensichtlichen Widerwillens gegenüber allem Politischen wird sein Handeln so effektiv, wenn er sich einer politischen Sache annimmt.

9. Der Nicht-Strebende

Das Anhäufen von Wissen
zieht kontinuierlich das Verlangen
nach mehr Wissen nach sich.
Doch wer den Weg des Unergründlichen lebt,
wird mit jedem Tag bescheidener.

Der taoistische Weise interessiert sich nicht für Wissen als eine Art von Macht. Er will nicht durch Argumente gewinnen. Er weiß, dass die Menschen durch das Argumentieren nicht besser werden. Genausowenig will er mit Argumenten gewinnen, indem er sich still verhält. Er will nicht streiten. Man kann in ihm keinem verborgenen Plan nachspüren. Er liebt es still, wirklich still zu sein.

Der Weise weiß, dass Kenntnis unvermeidlich zu Absicht führt – dass sie mit Ehrfurcht behandelt werden soll und Angstgefühle gegenüber den zerstörenden Waffen vorbehalten bleiben. So wird er es vermeiden, mit seinem Wissen wetteifern zu wollen, und er wird sein Wissen vorsichtig gegenüber den Blicken der Neider abschirmen.

Der taoistische Weise unterliegt nicht dem verzweifelten Glauben der westlichen Intellektuellen an die befreiende Macht des Wissens. Er weiß instinktiv, dass Wissen einfach eine weitere Form der Knechtschaft ist, es ist einfach ein Mittel, um die eigene Erhabenheit hervorzuheben. Es ist ein Mittel zu Kontrolle und Manipulation. Insofern ist es eine Art von Macht, die nichts zu tun hat mit der Freude, die aus dem Leben in Harmonie mit dem Tao entspringt. Deshalb sitzt der Weise lieber im Schatten eines schönen Baumes und nippt am Wein in frohem Einssein mit seiner Umgebung, anstatt seine Zeit mit der hektischen Suche nach Wissen zu verschwenden, die letztendlich eine noch größere Knechtschaft zur Folge hat.

Der taoistische Weise ist nicht daran interessiert, Weisheit anzusammeln, denn er weiß, dass diese von den Mächtigen und Hinterlistigen oft als Werkzeug für Manipulation und Zerstörung missbraucht wird. Er weist darauf hin, wie Bücher der Weisheit, vor allem jene göttlicher Inspiration, von den Mächtigen missbraucht worden sind, um Unruhe zu stiften und Böses zu rechtfertigen.

Der taoistische Weise versucht nicht bewusst, Weisheit anzusammeln. Er weiß, dass dieses Streben unvermeidlich in Eitelkeit und dem Verlangen nach Ruhm endet. Menschen geraten in ihrem Verlangen nach Ruhm aneinander und Mitgefühl verwandelt sich in Grausamkeit.

Nach Ansicht des Weisen werden Wissen, Weisheit und Tugend leicht zu Werkzeugen der Manipulierenden und somit zur Urquelle des Bösen.

Der taoistische Weise ist sich instinktiv dessen bewusst, dass er nur klug, weise und tugendhaft werden kann, indem er diese drei Eigenschaften nicht als sein höchstes Ziel ansieht.

10. Der Stille

Lehren ohne Worte,
Durchführen ohne Taten:
Das ist der Weg des Weisen.

Der taoistische Weise versteht, dass es meist vergeblich ist, über unwägbare Argumente zu streiten. Er ist sich dessen bewusst, dass unsere Ansichten bezüglich Gott unvollständige Bilder sind, die wir selbst entworfen haben. Er würde nicht darüber streiten, ob das Tao existiert oder nicht. Er weiß das Unbegreifliche nicht verstanden und das nicht beweisbare nicht bewiesen werden kann. Er akzeptiert, dass der Mensch zum Teil blind ist, vor allem angesichts spiritueller Dimensionen und dass das Streiten kaum je des Menschen Fähigkeit zu sehen verbessert.

Der Weise mangelt an heißblütigem Eifer junger Missionare. Er scheint zurückgezogen, jasogar mißtrauisch, und er ist vorsichtig, wenn es darum geht, seine Einblicke mit irgend jemandem zu teilen. Kaum je teilt er seine tieferen Ansichten jemandem mit, da er erkennt, dass Verständnis, Einsicht und Perspektive meist aus direkter persönlicher Erfahrung entspringen, selten jedoch vom Hörensagen, sekundären Quellen oder katechistischen Lehren.

Er weiß, dass Einsicht nicht vermittelbar ist. Sie kann nicht wie ein Geschenk weitergegeben werden. Jeder Mensch muss sein eigenes Verstehen erlangen, auf seine Art und im Einklang mit seiner eigenen Erfahrung.

Der Weise ist sich darüber im Klaren, dass die Sprache begrenzt ist. Sie ist nützlich, manchmal sogar notwendig, da die Vermittlung von Denkkonzepten den Einzelnen mehr zur Einsicht bringt. Aber dann muss der Empfänger einen Entwicklungsgrad erreicht haben, von dem er positiv auf die übermittelten Konzepte reagiert. Er erkennt, dass die Vermittlung von Konzepten an Menschen, die dazu noch nicht reif sind, verschwendete Worte sind, die sogar kontraproduktiv sein können.

Höchste Sensibilität bezüglich Bedürfnissen und Gefühlen anderer Menschen ist daher entscheidend, wenn der Weise kommuniziert. Er ist ein guter Zuhörer und hat das Feingefühl, zu wissen, wann Worte wirksam sind. Selten wird er seine Ansichten vor einem größeren Publikum oder vor Fremden ausbreiten.

Im Bewusstsein über die Gefahren und Beschränkungen der Sprache spricht der Weise erst, wenn es unvermeidbar oder unabdingbar ist. Und er wird das mit Vorsicht, Eloquenz und Geschick tun. Aber sein natürlicher Zustand ist der des Schweigens.

Der Weise ist sich über die Tatsache im Klaren, dass die Wahrheit durch Worte eher korrumpiert als bestärkt werden kann. Er fällt dem christlich-muslimisch-jüdischen Irrglauben über die unschuldige Macht des Wortes nicht anheim, dass es Tugend vermitteln und Menschen ändern könne. Das Wort, weiß er, ist vage und anfällig für Korruption. Seine Auswirkungen sind oft unvorhersehbar und unkontrollierbar. Selbst wenn es versucht, nützliches zu vermitteln, ist es ist imstande, seine Umwelt mit Bösartigem anzustecken. Somit bevorzugt der Weise zu schweigen.

Er strahlt nicht den unbescheidenen Glanz der Unentbehrlichkeit und Notwendigkeit aus, die manchen religiösen Gruppen anhaftet, die zu fürchten scheinen, dass der Geist verschwinden könnte, falls sie ihn nicht über die Welt verbreiten, so als würden sie Gott unterschätzen.

Der taoistische Weise vertraut dem Tao so weit, dass er das Wort als oft überflüssige Ergänzung betrachtet und das Individuelle als entbehrlich.

Wie ein Kind glaubt er daran, dass nichts schiefgehen kann, da das Tao die Mutter alles Guten ist.

Er unterschätzt das Tao nicht.
Er weiß, dass das Tao ihn nicht wirklich braucht.
Und so beschließt er, still zu sein.

11. Der Unschuldige

Der, der in Harmonie mit dem Tao ist,
ist wie ein neugeborenes Kind.

Der taoistische Weise handelt instinktiv, intuitiv und spontan. Wie ein Kind ist er sich nicht seiner Unschuld und seiner Tugenden bewusst. Sein Mitgefühl ist für ihn natürlich wie das Atmen und er ist sich dessen nicht bewusst, so wie er sich nicht seines Atmens bewusst ist.

Instinktiv bewegt er sich in naher Harmonie zur Natur, wie ein Baby, das an den warmen Brüsten seiner Mutter saugt.

Sein Nichtwissen über seine eigenen Tugenden ist seine wertvollste Eigenschaft in einer Welt, die mit Pomp übersättigt ist.

12. Der Mindere

Die Weltmenschen sind hell, ach so hell;
nur ich bin wie trübe.
Die Weltmenschen sind klug, ach so klug;
nur ich bin wie verschlossen in mir.
Alle Menschen haben ihre Zwecke;
nur ich bin müßig wie ein Bettler.
Unruhig, ach, wie das Meer,
ziehe ich ziellos umher, wie der Wind.

Der taoistische Weise wird von den Weltmenschen oft nicht ernst genommen. Jemand, der materiellem Reichtum eine derart geringe Wichtigkeit beimisst, kann von einer Welt, die von materiellem Besitzstreben durchsetzt ist, nur als minderwertig und verrückt eingestuft werden. Jemand, der derart unberührt ist von hierarchischen Strukturen, kann im "Zeitalter des Managers" nur als fehlerhaft betrachtet werden: in einem Zeitalter nämlich, in dem Erfolg nur durch die Fähigkeit zum Manipulieren und Regieren gemessen wird. Jemand, der ehrlich und offen wie ein Kind ist, kann in einer Welt, die von irriger Manipulation und Macht besessen ist, nur als Dummkopf abgestempelt werden.

Der taoistische Weise fühlt sich nicht gezwungen, sich gleichzeitig mit mehreren Problemen zu beschäftigen. Er macht sich keine Sorgen über zukünftige Strategien, während er krampfhaft versucht, mit den momentanen Problemen fertig zu werden. Er telefoniert nicht am Handy, während er gleichzeitig isst und über den Tisch mit einem Partner verhandelt. Ungleich dem ambitionierten Managertyp macht er eine Sache nach der anderen, und genießt es, diese zu tun. Er isst, während er isst, er schläft, während er schläft, und er genießt Gesellschaft um der Gesellschaft willen. Er lebt im Jetzt und nur im Jetzt, da er weiß, dass die Vergangenheit Vergangenheit ist und die Zukunft pure Fiktion.

Er wird sich nur soviel aufbürden, dass er weiß, er wird dabei nicht sein inneres Engagment verlieren. Er weiß, dass Überbeschäftigung unweigerlich zu einer spirituellen Verarmung und Stress, wie auch zu Sinnverlust im Leben führt.

Der Weise bewegt sich nicht mit der trügerischen Sicherheit eines Kriechers die hierarchische Leiter hinauf. Er ist absolut offen, was seine Fehler und Unzulänglichkeiten angeht, wie auch, was seine Meinungsverschiedenheiten mit Autoritäten oder Management betrifft. So offen, dass es als Naivität ausgelegt werden könnte. Er denkt nicht in hierarchischen Kategorien, und er weigert sich, Freunde nach ihrem relativen Nutzen im sozialen oder geschäftlichen Bereich auszuwählen. Er ist sogar zu denen freundlich, die vom Management oder seinen Handlangern gemobbt werden.

Zögernd bewegt er sich in der Gesellschaft, so als wäre sie eine dünne Eisfläche – zurückhaltend, so als wäre er ein Gast in einem fremden Zuhause. Er ist vorsichtig gegenüber jeder Gruppe, da er weiß, dass eine Gruppe oft schlechter ist als die Gesamtheit der hochmütigen Egos und Vorurteile ihrer Mitglieder. Er misstraut Komitees und Räten, da sie Vorurteile oft legitimieren. Er weigert sich, irgendetwas mit Cliquen und Gesellschaften zu tun zu haben, die ihre Egos oft auf Kosten anderer aufblasen. Er meidet Meetings und Versammlungen, wo Tratsch und Gemeinheiten oft akzeptiert werden. Er ist sogatr abgeneigt, an Gruppen teilzuhaben, die die höchsten Ideale haben, da großartige Vorstellungen oft als Fassade für den Ego-Trip zu Ruhm und Prestige dienen.

In einer Parade der Eitelkeit spröder, aufgeblähter Egos bevorzugt er es, unsichtbar zu sein. In einer anspruchsvollen Welt der Steigerung des Selbst, wo Status zählt, versucht der Weise, unbemerkt zu bleiben. In einer Gesellschaft, die nach öffentlicher Ehre und Ruhm schreit, bleibt er außer Sichtweite.

13. Der Fehlerhafte

Wenn Du die Welt kontrollieren und in Gang halten willst,
so weiß ich, dass Dir das nicht gelingen wird.
Die Welt ist ein spirituelles Wesen,
das man nicht verbessern kann.
Im Versuch, sie zu manipulieren und zu kontrollieren
schafft man Unordnung.
Im Versuch, sie zu stabilisieren
zerstört man sie.

Vom "Mann der Tat" würde der taoistische Weise als untätig und unentschlossen verlacht. Der Weise ist von Natur aus mißtrauisch gegenüber öffentlichen Handlungen, da er weiß, dass sie oft von einer zwanghaften Eitelkeit ausgehen, die schadet.

Der Weise glaubt an die Tugenden nichtmanipulierender Handlungen, des Nichteingreifens, seinen Einfluss zu halten, sein Ego zu reduzieren, still zu bleiben. Wenn sein Mitgefühl es verlangt, dann handelt er, und seine Handlungen sind oft unüberlegt und spontan. Er bevorzugt es, außerhalb der Sichtweite der Öffentlichkeit zu arbeiten. Was auch immer er tut, macht er gut, aber er würde das, was er zu tun hat, beenden und sich dann zur Ruhe setzen, ohne am Erreichten festzuhalten, jede Ehre von sich weisend, wie auch jeden Einfluss oder Vorteil, den es ihm bringen könnten. Weder hält er fest an Verantwortungen, noch an Positionen. Er ist nie besitzergreifend.

Der Weise ist sich dessen bewusst, dass der einzige Einfluss, der den Geist vorwärts treibt, das Beisein des Charakters ist, der von Mitgefühl und Ganzheit geprägt ist. Der Charakter kann nicht durch den rohen Exhibitionismus moderner Rollenspiele geprägt werdcn. Genauso wenig kann die Erleuchtung durch mittelklassige Ideale ausgelöst werden: das aalglatte, respektable Durchsetzen des Geltungsbedürfnisses, ausgeschmückt mit Ausbildung, guten Manieren, sauberer Sprache, Fülle, gutem Geschmack und gerade dem richtigen Touch von Religiosität. Am wenigsten von allen kann die Zivilisation verbessert werden durch das korrumpierende und selbstinflationierende Führen von Menschen und ihrem Leben.

Der taoistische Weise vermeidet es, das Leben anderer Menschen zu "leiten", denn er weiß, dass die Welt etwas spirituelles ist, das nicht kontrolliert werden sollte, und in das man auch nicht eingreifen soll. Er, versucht, seinen eigenen Einfluss auf andere einzuschränken. Eher nimmt er Verlust in Kauf, als andere hinsichtlich des Erreichens seiner Ziele zu manipulieren. Freiheit betrachtet er in einem spirituellen Zusammenhang: sie besteht, um jegliche Form des Einflusses oder der Manipulation zu unterbinden. Deshalb weist er die grundsätzlichen Lehren der Macht zurück. Eher akzeptiert er es, als Verlierer betrachtet zu werden, wenn Erfolg mit dem Manipulieren am Leben und am Schicksal anderer einhergeht.

Der taoistische Weise ist ehrlich und nie berechnend in seinen Beziehungen. Er schmeichelt nicht. Seine Vorgesetzten wird er mit derselben Ehrlichkeit behandeln wie seine Kollegen oder Untergebenen. Er duckt sich nicht, wenn gedroht wird, auch lacht er nicht gefällig über die Witze des Chefs. Er hat keine hintergründigen Profilierungsstrategien. Im Einklang mit seinem natürlichen Drang wird er spontan das Tugendhafte tun und Falschheiten, wie Gemeinheiten unterlassen. Er wird an Organisationen teilnehmen und Befehlen Folge leisten, solange diese zugunsten empfindsamer Wesen sind, doch er würde nicht weiter gehen, ungeachtet dessen, was es seine Karriere, seinen Aufstieg oder Prestige kosten kann. Seine Unbestechlichkeit ist bemerkenswert, da sie aus der inneren Stärke eines Menschen erwächst, der sein eigenes Ego auf einen Grad reduziert hat, an dem er vom Urteil der Gesellschaft unabhängig ist. Er ist eigentlich durch und durch anarchisch: er ist sein eigener Meister und kein Machtsystem kann ihn kontrollieren.

Was der strebsame, mobile Mensch an taoistischen Weisen unverzeihlich findet, ist sein Mangel an Ehrgeiz. Der Weise vermeidet ein Leben, das an Zielen übergeht, die er eher als Hindernis, denn als Hilfe betrachtet. Er ist sich darüber im Klaren, dass manche Ziele überlebensnotwendig sein dürften, und manche sogar sinnvoll sein dürften, um das Leben lebenswert zu machen. Doch die meisten Ziele verleihen dem Leben keinen Wert. Und tatsächlich zerstört das angestrengte Streben nach einer Anzahl von Zielen oft das Mitgefühl, da man unsensibel gegenüber den Bedürfnissen anderer Menschen wird.

Instinktiv vermeidet es der Weise, zu beschäftigt zu sein – denn er betrachtet das als die schlimmste Ausprägung der Faulheit. Oft ist die Überbeschäftigung nichts anderes als die Anstrengung, jenen Bereichen auszuweichen, die im Leben wirklich wichtig sind. Wie hoch und altruistisch Ihre Ziele auch immer gesteckt sein mögen, so ist Überbeschäftigung oft eine Art von Egomanie, die oft mit einem Märtyrerkomplex einhergeht, in dem der Protagonist offen oder unterschwellig aufzeigt, wie sehr er sich doch opfert und für andere leidet, für die Gemeinschaft oder eine gemeinnützige Sache. Anstatt Ihrem Leben Sinn zu verleihen, kann die Hyperaktivität Sie täuschen, Sie von Ihrem inneren Selbst entfremden und Ihre Verwirrung steigern.

Überbeschäftigt zu sein ist, als würden Sie laufen und nicht wissen, wohin. Der Weise weigert sich, blind in irgendeine Richtung zu laufen. Er bewegt sich beiläufig vorwärts und hat die Augen weit offen, er ist empfindsam für die Bedürfnisse der Lebewesen um ihn herum. Wie der gute Samariter wird er genug Zeit haben, seinem Reisekumpanen zu helfen, der hilflos am Straßenrand liegt.

14. Der Abgehobene

Andere Menschen sind aufgeregt,
so als wären sie auf einer Parade,
mich lässt das gleich,
ich allein bin ausdruckslos
wie ein Kind, bevor es gelernt hat, zu lächeln.

Der taoistische Weise wirkt seltsam abgehoben. Er handelt unbeeinflusst von seinen eigenen Emotionen. Er weiß, dass seine eigenen Beobachtungen, Emotionen, Gedanken, Konzepte und Urteile Windstöße auf der Oberfläche seines Geistes sind, nicht konstant, ständig in Veränderung begriffen. Er begreift, dass das der Geist nur dann klar das Mitgefühl reflektieren kann, wenn er frei von den Windstößen der Gedanken und Emotionen geworden ist.

Handlungen aus Mitleid sind für ihn nicht Handlungen aus Leidenschaft: sie entstehen aus ihm so natürlich wie das Niesen oder das Einschlafen.

Daher können Sie sich völlig auf den Weisen verlassen. Seine Gnade hängt nicht von seinem emotionalen Befinden, seiner Affinität oder Aversion gegenüber einem Objekt, seinem Glauben oder irgendwelchen Gedanken, die die Ruhe seines Geistes stören könnten.

In einer Welt der Unbeständigkeit und der Illusion ist sein Mitgefühl konstant und echt.

15. Der Heide

Deshalb befasst sich der ehrliche Mensch
mit den Tiefen und nicht mit der Oberfläche,
mit der Frucht, und nicht mit der Blume.
Er folgt keinem Ego.
Er lebt in der Realität,
und lässt alle Illusionen verfliegen.

Nach fast allen westlichen Gesichtspunkten erscheint der Weise als unreligiös. Alte Rituale bedeuten ihm wenig. Selbst, wenn die Liturgie mit Emotionen erfüllt ist, bleibt der Weise abseits und misstrauisch. Gefühle kommen und gehen, und Religionen, die von etwas derart flüchtigem wie Gefühlen abhängig sind, lassen ihre Anhänger meist dann im Stich, wenn sie sie am meisten brauchen.

Zu beten bedeutet für den Weisen nicht,
Gott um einen Gefallen zu bitten
Gebet bedeutet, das Ego aufzulösen und still zu werden.
Der taoistische Weise hat es erfahren:
die reinste Erkenntnis ist die Stille.

16. Der Feigling

Der Weise betrachtet die Teile mit Mitgefühl,
da er die Ganzheit versteht.
Er übt sich ständig in Bescheidenheit.
Er brilliert nicht wie ein Juwel,
doch er lässt sich vom Tao gestalten,
zerklüftet und gewöhnlich, wie ein Stein.

Der taoistische Weise vermeidet Konkurrenz, da sie das Geltungsbedürfnis nährt, Brutalität fördert und Demütigung rechtfertigt. Die triumphierende Poste des eitlen Siegers ist für den Weisen ein Zeichen des spirituellen Bankrotts. Die demonstrative Bescheidenheit in der Entgegennahme des Preises unter dem ehrfürchtigen Blick der Verlierer ist der Gipfel der Eitelkeit und kann sogar das reinste aller Herzen korrumpieren.

Er betrachtet Gott nicht als seinen persönlichen Mentor, Trainer oder Berater, der ihn auf kosten anderer fördert, während er soziale oder gesellschaftliche Leitern erklimmt. Er betrachtet die kalvinistische Notwendigkeit, die Nähe zu Gott durch Wettbewerb und das offene Zeigen des Erfolges zu beweisen, als eine eine nutzlose eitle Übung. Ihre Überlegenheit auf Kosten jemandes anderen zu beweisen ist ein Beweis von Minderwertigkeit und Ignoranz. Es ist schlecht, wenn sie aufzuzeigen versuchen, dass Sie in des Gottes Gunst mehr wert sind, als jemand anderer. Andere Relgionen zu beschimpfen, um Ihre eigene Würde zu beweisen, ist eine Beleidigung gegenüber Ihrer Religion und Ihnen selbst. Das Verfolgen von anderen aufgrund verschiedenener Meinungen über das Unbegreifbare, so wie das Christen, Moslems oder Juden in ihrer traurigen Vergangenheit gemacht haben, ist eine Form der Barbarei.

Für den Weisen sind Gefühle der Überlegenheit, die auf Anhängertum, Glaubensbekenntnis, Position, Besitz, Aussehen, Intelligenz oder Leistung basieren, Zeichen spiritueller Armut. Die Vision des Weisen hat keine Unterteilungen. Sie ist einheitlich. Aber er betrachtet die Einheit nicht im großen politischen Maßstab. Er lebt mit seiner eigenen Vision der Harmonie den einfachsten Weg im alltäglichen Leben. Er ist von Unterschieden zwischen Menschen unbeeinflusst und unberührt von Stolz, Eitelkeit und Gier.

17. Der Verräter

Nichts ist für ihn unmöglich.
Da er die Dinge geschehen lässt,
er kann für das Wohlergehen der Leute sorgen
wie eine Mutter für ihr Kind.

Der Taoist hat die Toleranz von jemandem, der weiß, dass seine Ideen weniger wichtig sind als sein eigenes Wohlergehen. Er lebt in der ständigen Gewissheit darüber, dass seine Überzeugungen nicht so wertvoll sind wie das Wohlergehen anderer.

Er hat die Geduld eines Menschen, der weiß, dass seine Einsichten begrenzt und einem ständigen Wandel unterworfen sind.

Er hat die Demut eines Menschen, der weiß, dass das, was wirklich wichtig ist, meist jenseits des Geistes und der Sprache liegt.

Zwietracht zu Schaffen, um Ihren eigenen, begrenzten Standpunkt zu verteidigen ist dem Weisen fremd. Er betrachtet Harmonie als die Essenz eines sinnvollen Lebens.

Daher ergreift der Weise im intellektuellen Disput nicht Partei.

Er trägt nicht die Farben einer Sekte oder Partei.

Er lässt nicht im Wind patriotisch die Flaggen wehen.

Er singt nicht mit tränenerfüllten Augen Hymnen.

Er weigert sich, "für sein Land zu sterben".

Er weigert sich, für irgendwelche nationalistischen Belange oder in patriotischem Eifer zu töten. Auch nicht, um die Gier seiner Regierenden zu befriedigen, oder weil er irgendeiner Propaganda anheim gefallen ist.

Er ist ein wahrer Krieger. Eher würde er sich als Verräter bezeichnen lassen, als sich selbst zu verleugnen. Er hat sich selbst überwunden und kann daher nicht überwunden werden.

18. Das Unbegreifliche

Schau, und es kann nicht gesehen werden.
Horch, und es kann nicht gehört werden.
Greife danach, und es kann nicht ergriffen werden.

Das Tao kann nirgends gefunden werden.
Und doch nährt und ergänzt es alle Dinge.

Gott oder das Tao oder das Absolute oder Allah oder Jehovah oder Brahma – oder wie auch immer Sie das bezeichnen mögen, was ist oder nicht ist, wo immer, nirgendwo oder überall es ist:

Es ist nicht ein Gefühl, das durch die Liturgie heraufbeschworen werden kann.

Es ist nicht ein Rätsel, das intellektuell gelöst werden kann.

Es ist nicht ein Konzept, das mittels Wissenschaft oder Philosophie erfasst werden kann.

Es ist nicht ein Dogma, das theologisch formuliert werden kann.

Es ist nichts,das in den tiefsten Tiefen unserer Psyche lauert.

Es ist nicht in unserer DNA zu finden.

Es ist nicht etwas noch unerforschtes in der Subquantentheorie.

Und doch ist es all das.
Da alle Dinge von ihm kommen
und alle Dinge zu ihm zurückkehren.

Das wie-auch-immer-sie-es-bezeichnen wollen wird für Sie zur Realität, wenn Sie mit ihm in Harmonie leben wollen.

Es ist da, um gelebt zu werden, und darum geht's.
Sie leben es, oder sie leben es nicht.
Der Taoist lebt es, und doch lebt er es nicht.


(c) Jos Slabbert 1999
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