Fasse den Tag

von Derek Lin
übersetzt von Jens-Wolfhard Schicke

Hier ist ein Rätsel für Sie: Was sehen Sie in diesem Gitter dort oben? Was glauben Sie, was es darstellt?

Okay, das ist kein schweres Rätsel. Die Antwort ist "ein Jahr". Die Spalten stellen die Tage dar und die Zeilen sind die zwölf Monate des Jahres, so daß also jeder Tag des Jahres ein Quadrat einnimmt.

"Okay," fragen Sie, " und was ist jetzt so toll daran?"

Wenn ich auf dieses Gitter gucke, überläuft mich ein Schauer, da ich daran gewöhnt bin, ein Jahr als eine lange Zeit zu betrachten. Wahrscheinlich geht es Ihnen genauso. Aber, wenn ein Jahr auf diese Weise dargestellt wird, und man alle Tag des Jahres mit einem Blick sehen kann, scheint ein Jahr gar nicht mehr so lang.

Dieses Gitter ist das Layout eines typischen Kladdenkalenders, wie Sie sie in allen Schreibwarenläden finden. Es ist ein ganz gewöhnliches, alltägliches Ding. Warum sollte es irgendwie anders sein, als ein normaler Jahreskalender, der das Gleiche Monat für Monat zeigt? Ich bin nicht sicher. Vielleicht liegt es daran, daß wir daran gewöhnt sind auch einen Monat als eine lange Zeitspanne zu betrachten. Vielleicht trägt die unregelmäße Anzahl Tage pro Monat und der Platz zwischen den Monaten zu dieser Illusion bei.

Auf jeden Fall ist das Betrachten des Gitters und das Verstehen seiner Bedeutung eine ernüchternde Erfahrung für mich. Sie kreuzen ein Quadrat aus für jeden vergangenen Tag, und keine Macht im Himmel oder auf Erden kann Ihnen diesen Tag zurückbringen. Sobald er verschwunden ist, ist er für immer verschwunden. Und wenn ein weiteres Jahr vergangen ist, sind alle Quadrate ausgekreuzt, unwiderruflich verloren. Sie bewegen sich weiter zum nächsten Gitter.

Wie viele Gitter haben Sie noch? Ich vielleicht noch vierzig, wenn ich Glück habe. Und was ist die Zahl Vierzig? Sie kann durch eine fünf-mal-acht-Matrix dargestellt werden. Die Zahl der Kladden, die ich noch übrig habe, füllen die Matrix, die mein Leben repräsentiert. Mit dem Vergehen jeden Jahres verschwindet ein Quadrat aus dieser kleinen Matrix, um nie wieder zu existieren.

Falls ich Glück habe. Falls nicht, dann hat meine Matrix - Ihre auch - deutlich weniger Quadrate. Soweit ich weiß kann es durchaus sein, dass mir nur noch einige wenige Kladden übrig bleiben. Das Gleiche gilt auch für Sie.

Wenn Sie es auf diese Weise sehen, kommen Sie zum unausweichlichen Schluss, daß, in der Tat, das Leben zu kurz ist. Wir hören diese Klage so häufig, daß sie ihre ganze Kraft verloren hat. Aber jetzt, aus einem neuen Blickwinkel gesehen, erlangt die Nachricht ihre dunkle Macht wieder zurück. Wir, alle von uns, haben wirklich nicht so viel Zeit in dieser Ebene der Existenz. Wenn das Leben eine Lehrstunde ist, dann ist es ein Crash-Kurs.