Gedanken über den Pfad

von Bill Bunting
übersetzt von Jens-Wolfhard Schicke

Das Tao, dem man folgen kann, ist nicht das ewige Tao.
Der Name, den man nennen kann, ist nicht der ewige Name.
Das Namenlose ist der Ursprung von Himmel und Erde
Wärend das Bennenen der Ursprung aller Dinge ist.
Also siehst du, immer wunschlos, das Mysterium
Immer wünschend, siehst du das Manifestierte.
Das beides ist das selbe –
Wenn sie auftauchen werden sie unterschiedlich genannt.

Diese Gleichheit ist das Mysterium,
Mysterium in Mysterium

Die Tür zu allen Wundern.

- Tao Te Ching 1

Was ist Tao?

Ich habe zwei Übersetzungen für das chinesische Wort "Tao" gehört. Die eine häufigerere und allgemein als die genauere angesehen ist "Pfad" oder "Weg", die andere, interessantere Interpretation ist "Alles, was ist". Beide Definitionen meinen ungefähr das selbe, sobald man erkennt, dass der eigene Pfad oder Weg für einen das einzige ist, was es gibt. Diese Aussage ist im Grunde die Wahrheit für uns alle. Wir haben im Kopf ein Bild von dem, was wir als Realität annehmen. Dieses Bild kommt zu uns mit allen Einschränkungen, die unsere Augen haben, mit allen Fehlern in unseren Blickwinkeln. In anderen Worten ist unsere Wahrnehmung der Realität verfälscht durch unsere Erfahrung und unser Erlerntes. Dies ist kein Fehler, noch ein Versagen des Tao, unserer Eltern oder uns selbst, es ist der Lauf der Dinge. Falls wir wirklich versuchen sollten, die Essenz und Größe des Tao in einem einzigen atemberaubenden Moment zu erfahren, würden wir diese Erfahrung überleben? Kann unser Gehirn und Geist diese Essenz wirklich verstehen? Ich denke vielleicht nicht.

Der Preis des Daseins als Mensch ist Neugier. Wir werden getrieben mit allen unseren Mitteln herauszufinden, was mit uns nach dem Tod geschieht. Uns werden die unterschiedlichsten Formen von Glauben, Glaubenssystemen, Werten und Dogmen von Geburt an beigebracht, von unseren Eltern, unserem sozialen Umfeld und Kulturen in der ehrlichen Hoffnung, dass durch diese Erfahrung sowohl sie als auch wir irgendeine Form von ewiger Bestrafung vermeiden. Den meisten Kindern dieser Welt wird von ihren ersten Gedanken an von irgendeiner spirituellen Vergeltung für falsches tun und "Sünde" gelehrt, von den Dämonen des Buddhismus bis zur ewigen Hölle des Christentums, bis zum brennenden Tal von Henom im Judentum. Sie werden vor ihrer Gemeinde herausgeputzt und vorgeführt, wie hübsche Lämmer kurz bevor sie zu Schnitzeln werden. Aber haben sie die Wahrheit gelernt? Haben wir? Ich glaube, es lebt keine Seele, die dies liest und sich nicht mit diesem Paragraph identifiziert und an deren Herz die modernen Kontrollmechanismen der westlichen Glaubensrichtungen und Kulturen nicht zerren. Soweit diese Leute wahrhaft glauben und leben, was sie behaupten zu glauben, habe ich damit kein Problem, schließlich kann ich morgen sterben und feststellen, dass ich besser ein Mormone gewesen wäre.

Da ist die Wahrheit. Sie versteckt sich direkt hinter der Theorie. Sollte ich Mormone sein, Jude, Christ, Muslim oder Buddhist? Wissen wir es? Wie viele Leute hinter wie vielen Altären verschiedener Beschreibung behaupten genau zu wissen, was wir zu glauben haben. Ich kenne mehrere. Alle sind anders und alle im Recht. Wie kann das sein? Die Wahrheit ist, es können nicht alle recht haben, aber alle können immer noch gültig sein. Es gibt einige einfache Wahrheiten von denen ich glaube, dass sie das Fundament des theologischen und philosophischen Taoismusses bilden. Dies mag oder mag auch nicht die Gefühle, Gedanken und Lehren irgendeines anderen über dieses Thema widergeben, und das ist auch richtig so.

Zuallererst und zuvorderst weiß ich, dass ich in keiner abschließenden Analyse wissen werden, was mit mir geschieht, sobald ich sterbe. Ich weiß, was ich glaube, das ist anders, als wenn ich als Fakt wüsste was geschieht.

Zweitens weiss ich, dass ich eines Tages sterben werde. Das ist ein Fakt. Es ist außerdem der Lauf der Dinge und der Weg des Taos. Da dieses Ereigniss unvermeidbar ist, will ich nicht weiter darüber reden. Ich würde diesen Moment nicht um eine Sekunde schneller herbeiführen. Ich gebe zu, dass ich manchmal Angst vor diesem Moment habe.

Drittens weiß ich, nachdem ich diese beiden Dinge erkannt habe, dass es Dinge gibt die mysteriös sein sollen und die nicht einfach oder klar verstanden werden können, falls sie überhaupt verstanden werden können. Das Tao ist eines dieser Dinge. Zu formulieren, der Gott den du nennen kannst ist nicht Gott, egal welchen Namen du wählst. Der Gott, den du anfassen kannst, beschreiben oder zuordnen ist nicht Gott. Benennen ist das, was wir tun, Beschreiben, Kategorisieren und Unterteilen und Organisieren, das sind Dinge, die wir tun. Warum? Weil wir Menschen sind, es liegt in unserer Natur, die Neugier treibt uns diese Dinge zu tun in der Hoffnung, dass wir verstehen mögen und irgendwie erleuchtet werden. Alle diese Aktivität hat sicherlich einige bemerkenswerte Dinge und wundervolle Ereignisse hervorgebracht, aber es hat auch das schlechteste in uns zum Vorschein gebracht. Ab einem bestimmten Punkt, muss man, um Frieden und wahres Verständnis zu erlangen, verstehen, dass manche Dinge nicht dazu gemacht sind gefasst und analysiert zu werden. Das Tao ist eine solche Sache. Im Benennen sehen wir die Erschaffung der Quelle (Tao), in der Aufteilung sehen wir die hervorgegangenen Dinge. Im namenlosen und leeren, nur im Herzen und Geist gesehen, sehen wir das ewige.

Viertens, alles passiert, wann und wie es gehöhrt, egal ob wir es wollen oder nicht. Dies ist eine absolute Wahrheit, unveränderlich und in Granit geschrieben. Wir haben nicht die Macht das Tao auch nur um ein Atom zu ändern. Der Unterschied zwischen einem Ereigniss, das geschieht, wenn es soll, und einem, das geschieht, wenn es nicht soll, liegt allein in unserer Wahrnehmung, nicht in der Realität. Der Weise erkennt, dass sein Pfad sein Pfad ist, also kümmert er sich nicht darum, wohin ihn seine Füße tragen. Auf diese Weise gibt es keinen Konflikt, keinen Wettkampf, keinen Hohn, keine Enttäuschung, kein Unangemessensein, kein Richtig, kein Falsch. Es gibt nur den Pfad. Der Weise erklärt sich nicht, niemals, selbst wenn er es täte, würde die Erklärung nicht verstanden werden, weil anderer Menschen Pfade deren sind und nicht seiner. Der Weise wertet den Pfad des anderen nicht, es ist nicht seine Reise. Da der Weise nicht benennt, wertet, vergleicht oder kämpft, und, da der Weise seiner wahren Natur folgt ist er ewig, hat im Geiste, in der Wahrheit und in der Weisheit mit dem ewigen zu tun. Dies ist das Mysterium der Einheit mit dem Tao. Es gibt keinen Weg, seinen Weg zum Tao zu erarbeiten, aber viele Wege dem Tao friedlich zu folgen.

Fünftens, noch einmal, die Meinung und der Glauben eines alten Sifu, ich werte niemandes anderen Glauben oder Pfad. Da wir alle genau dort sind, wo wir hingehören, gibt es keinen Grund zu werten.

Buddha sagte: "Wenn wir aufrichtig handeln, ist alles, was wir tun, gut." Vielleicht ist es besser, nicht soviele Gedanken auf das Was zu verwenden, sondern auf das Warum. Wenn die Absicht deines Herzens, Geistes und Seele eine des Friedens ist, eine des Mitleids und der Weisheit, des Respekts aller lebenden Dinge, ist es schwer einen allzuschweren Fehler zu machen, egal was irgendwer anders sagt. Sei immer deinem eigenen Weg treu.