Suhlen im Matsch

von Deitra Black
übersetzt von Jens-Wolfhard Schicke

Mit Kindern wird deswegen geschimpft; Mütter finden sich damit ab. Aber sieh den Ausdruck reiner Glückseligkeit in ihren Gesichtern. Und was ist schon Matsch? Das Fundament des Lebens! Warum, die Schaffungsgeschichten vieler Religionen erzählen, dass der Mensch aus dem Staub der Erde gemacht wurde; und die Big-Bang-Theorie unterstützt es auch.

Warum sollte ich mich nicht auch fröhlich darin herumwälzen? Was hindert mich daran? Der Einfluss, den es auf mein Aussehen nehmen wird? Mein Image? Ach was!

Hör auf zu denken, und beende deine Probleme.
Welch Unterschied zwischen Ja und Nein?
Welch Unterschied zwischen Erfolg und Scheitern?
Musst du achten, was andere achten, meiden, was andere meiden?
Wie lächerlich! [1]

oder

Unterlass das Lernen, keine weiteren Sorgen
Höfliche Antwort und höhnische Antwort
Welchen Unterschied gibt es da?
Gutheit und Schlechtheit
Wie sehr unterscheiden sie sich?
Was die Leute fürchten, dem gegenüber kann ich nicht furchtlos sein.
Welche Trostlosigkeit! Wie unbegrenzt! [2]

Ich nähere mich also dem Matsch, stecke einen Zeh hinein. Es fühlt sich komisch an, matschig; aber kühl und erfrischend. Ich knie nieder und ziehe meine Finger hindurch, dann über mein Gesicht! Ich bin ein eingeborener amerikanischer Krieger! Ich bin eine eingeborene amerikanische Schamanin! Haha! Der Matsch trocknet auf meinem Gesicht, strafft es, wie eine Maske; es fühlt sich gut an. Ich wate jetzt hindurch, das Matschen zwischen meinen Zehen genießend, wie die wunderbare Kühle die welt-müden Füße belebt, mein Fundament.

Welcher Eroberer der Juden träumte von einem Idol mit lehmigen Füßen? [3] Ja, ich sehe es jetzt, so klar als wäre es mein Traum; und so wird es. Ich bin Gott und Gläubiger, Geliebter und Liebhaber, der Wahrnehmende und der Wahrgenommene. Ich BIN.[4]

Unsere Idole haben lehmige Füße; sie sind unsere eigene Erfindung, so ist der Erschaffer/die Erschafferin doppelt erschaffen. So ist der Lauf der Dinge:

Die höchste Tugend ist wie Wasser
Wasser tut Myriaden von Dingen sehr gut, ohne Streit
Es bleibt an Stellen, die Menschen nicht mögen
Daher ist es dem Tao ähnlich. [5]

oder

Das beste Gut ist wie Wasser,
das alle Dinge nährt, ohne es zu versuchen.
Es ist mit den schlechten Plätzen zufrieden, die Leute Missachten.
Also ist es wie das Tao. [6]

Gibt es eine bessere Analogie? Wasser, was viele Formen annehmen kann; eigene (wie im Wetter), und die seiner Behälter. Wir sehen die Wahrheit hierin, da Wasser für uns im Himmel gehalten wird, zur Erde fällt, sowohl nährend als zerstörend, wie es will, wo es mag, nicht unterscheidend. Wo werden wir sein, wenn es kommt? Wie wird es uns beeinflussen? Wie können wir sicher sein? Werden wir in Angst vor der Sturzflut leben? Oder feiern in der versprochenen Zärtlichkeit eines leichten Sommerregens? Oder unter einem Dach sitzen und das wilde und schreckliche Gewitter beobachten, fühlen, wie der starke Wind uns eine herzliche Gischt entgegenwirft? Was können wir wirklich tun, um uns vorzubereiten?

Wir können unser Leben leben. Wir können Menschen sein; und bewusst sein. Wir können uns bewusst sein, wer wir sind, warum wir die Entscheidungen treffen, die wir treffen, warum wir unterstützen oder missbilligen was wir tun. Wir können uns unserer Neigungen bewusst werden, sowohl den natürlichen, als auch den erlernten, und indem wir uns bewusst werden, werden wir nicht mehr von ihnen bestimmt. Wir können mit ihnen fließen, weder herrschend noch beherrscht, aber, naja, fließend wie Wasser.

Ich kämpfe mich ins Zentrum des Matsches, fühle ihn um meine Knöchel steigen, zur Mitte der Wade. Das "Plitsch-Platsch" Geräusch wird mehr zu einem "Pflotsch-Pflotsch", und ich fühle das Gewicht des Schlammes an mir ziehen, es zieht mich herunter zu seinem Mutterleib. Da drüben ein möglicher Spielgefährte! Entzückt sage ich nichts, aber versuche zu rennen, woraufhin ich natürlich Gesicht voran in dem Matsch falle. Von der Überraschung erschrocken, warte ich eine Sekunde, dann merke ich, dass ich nicht atmen kann, und daß Matsch in meiner Nase ist, im Mund, in den Ohren und Augen, ich setze mich auf, kratze einen Teil der Schmiere aus meinem Gesicht, sitze eine weitere Sekunde gelähmt herum, dann breche ich in Lachen aus, genau wie mein möglicher Spielgefährte auch.

Mein Lachen überrascht ihn so sehr, wie mein Fall uns beide überrascht hat, er lacht noch mehr und nimmt einen Symphatie-Tauchgang. Nachdem er sich hingesetzt hat sieht er lächerlich aus, Matsch im Haar, in seinen Augen und sein Gesicht würde tropfen, aber das Zeug ist zu dick und hängt von seinem Kinn, wie ein Stalaktit. Als er anfängt seine Augen auszuwischen, greife ich nach vorne und entferne die Last von seinem Kinn. Unsere Augen treffen sich für einen Moment, ein Paar spiegelt das Licht des anderen, eine Art kosmischer Tanz entsteht, Licht trifft Licht, das Dunkel durchdringend, die Stille, das Ungesprochene, für eine Sekunde. Wir brechen in Gelächter aus, fallen nach hinten und wälzen uns herum. Einer von uns schmeißt spielerisch eine Hand voll des ursprünglichen Stoffes auf den anderen, und so ergibt es sich, ein Kampf im Matsch, eine Schlammschlacht, bis wir beide komplett bedeckt sind. Schließlich erschöpft, fallen wir auf den Rücken, starren in den heißen Sommerhimmel, keuchend, kühl, trotz unserer lebhaften Aktivitäten, und in das unerbittliche Auge der Sonne, denn wir sind bedeckt mit prächtigem MATSCH!!!

Sobald unser Atmen nachläßt merken wir, daß uns die ganze Schöpfung zusieht - die Vögel in den Bäumen haben im Singen innegehalten, um uns in Ehrfurcht zu betrachten; die Grillen haben ihr Zirpen unterbrochen, die Käfer ihr Summen. Verwundert rollen wir uns auf den Bauch und gucken auf, wir sehen unsere ganzen Familien (oops, haben wir gerade einen Familienurlaub verdorben?) an den gegenüberliegenden Seiten des Schlammloches stehen, tadelnde Blicke.

Wer ist diese "Familie"? Was repräsentieren sie? Sind sie wirklich mit mir verwandt? Ich mit ihnen?

Erfolg ist gefährlich wie Scheitern.

Was meint es, dass Erfolg so gefährlich sei wie Scheitern?
Ob du auf der Leiter auf- oder absteigst,
dein Stand ist wackelig.
Wenn du mit beiden Füßen auf dem Boden stehst,
wirst du deine Balance immer halten.

Was meint es, dass Hoffnung so leer sei wie Angst?
Hoffnung und Angst sind beides Phantome
die aus dem Denken an das Selbst entstehen.
Wenn wir das Selbst nicht als Selbst sehen,
was haben wir zu fürchten?

Sieh die Welt als dein Selbst.
Habe Vertrauen in die Weise, wie Dinge sind.
Liebe die Welt als dein Selbst;
dann kannst du für alle Dinge sorgen. [7]

oder

Gunst und Ungnade machen einen ängstlich
das größte Unglück ist das Selbst
Was meint "Gunst und Ungnade machen einen ängstlich"?
Gunst ist hoch, Ungnade ist niedrig
Es zu haben macht Angst
Es zu verlieren macht Angst
Das meint "Gunst und Ungnade machen einen ängstlich"
Was meint "das größte Unglück ist das Selbst"?
Der Grund, dass ich großes Unglück habe
ist daß ich ein Selbst habe
Wenn ich kein Selbst habe
Welches Unglück habe ich?
Wer also das Selbst als die Welt schätzt
Dem kann die Welt gegeben werden
Wer das Selbst als die Welt liebt
Dem kann die Welt anvertraut werden [8]

Diese Familie ist meine Welt, mein soziales Umfeld, meine Bekannten, meine wörtliche Familie, jeder, mit dem ich Kontakt habe und darüber hinaus. Manchmal ist es weise, der konventionellen Weisheit zu folgen; dies extrem zu betreiben hieße der Herdenmentalität folgen. Wie erkenne ich den Unterschied? Durch leben und lernen und dann durch ver-lernen, wie ein schlauer Kamerad, Jon, es einmal gesagt hat.

Suche Wissen, täglicher Gewinn
Suche das Tao, täglicher Verlust
Verlust und mehr Verlust
Bis man nicht-Tun erreicht
Mit nicht-Tun gibt es nichts, was man nicht tun kann
Nimm die Welt, indem du immer nicht-Einmischung anwendest
Wer sich einmischt ist nicht qualifiziert die Welt zu nehmen. [9]

oder

Auf der Suche nach Wissen,
jeden Tag kommt etwas dazu.
Im Üben des Tao,
jeden Tag wird etwas fallengelassen.
Weniger und weniger brauchst du, um Dinge zu erzwingen,
bis du schließlich beim nicht-Tun ankommst.
Wenn nichts getan wird,
bleibt nichts ungetan.

Wahre Meisterschaft kann erreicht werden
indem man die Dinge ihre eigenen Wege gehen lässt.
Sie kann nicht durch Einmischung erreicht werden. [10]

Alles klar. Mein Freund und ich trennen uns, gehen in entgegengesetzte Richtungen, aber bekommen die gleiche Standpauke von unseren Familien. Wir sind schmutzig! Wir haben das Picknick verzögert! Kriegt euch sauber und dann ran an die Decke, sofort! Schelmisch grinsend, laufe ich zum Steg, überquere ihn in einigen schnellen Schritten und springe den Kopf voran in den See, zum ungläubigen Neid meiner Verwandten, wasche den Matsch ab, genieße die Badezimmertemperatur des Wassers. Ich schrubbe den Schlick aus meinen Haaren, so gut ich kann, und löse meine Locken, erlaube dem Wasser hindurchzufließen als ich ein paar mal untertauche. Ich schwimme zurück zum Strand, treffe meine Mutter auf der Bank und nehme mein bisher unbenutztes Handtuch, trockne mich ab und trage es um meine Schultern, um die Tropfen aus meinen Haaren zu fangen. Wir gehen zusammen zum Picknick zurück, meine Mutter und ich; der Rest der Familie ißt bereits, als wir uns zu ihnen setzen. Mir wird vergeben, als das gute Essen unsere Mägen füllt.

Am Ende helfen wir alle Mutter beim ein- und wegpacken. Die Sonne geht unter, kippt Farbtöpfe zufällig überall hin, läßt sie ineinanderlaufen, bis sie den Himmel in einem fantastischen Sonnenuntergang füllen. Jemand, einer der Kleinen, sagt: "Wow! Sieh was Gott gemacht hat!!!" Jemand anders sagt: "Wow, sieh dir das an, das ist lebendige Wissenschaft!" Ich sage nichts, aber halte inne und staune.

Was ist das Ziel dieser kleinen Parabel? Es ist einfach, was es ist. Und das, mon ami, musst du entscheiden.


26-Jul-04

DBB